Offene Ohren und ein weites Herz

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Den Segen für „Tante Emma“ spendete der katholische Pfarrer Wendelin Meissner. Auch sein evangelischer Kollege Andreas Goetze bekam einen Spritzer Weihwasser ab.

Jügesheim (eh) ‐ „Gut, dass es ‚Tante Emma‘ gibt - und schade, dass es solche Einrichtungen geben muss.“ Bei der Einweihung der Lebensmittelverteilstelle in der Hintergasse 28 war dieser Satz gestern mehrfach zu hören.

Etwa 60 Gäste waren dabei, als die neue Institution ihren kirchlichen Segen erhielt. Morgen, Dienstag, um 10 Uhr ist der Laden erstmals für Kunden geöffnet.

„Jedes sechste Kind in Deutschland lebt in Armut“, betonte der evangelische Pastor Andreas Goetze. „Gerechte Teilhabe“ sei für viele Menschen nicht erreichbar. „Tante Emma“ sei eine gute Sache, „weil sie Not lindert, Menschenwürde schenkt und Hilfe zur Selbsthilfe bedeutet“. Gleichzeitig sei die Initiative ein Signal für das Versagen der Politik.

Als „Skandal“ bezeichnete Goetze die Absicht der Bundesregierung, das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger zu streichen - „als ob Hartz-IV-Empfänger weniger Würde als andere Menschen hätten“. Das Berliner Sparpaket sei „unausgewogen und nicht akzeptabel“. Die soziale Schieflage der Rotstift-Absichten werde ja sogar innerhalb der Unionsparteien kritisiert.

100 Personen haben ehrenamtliche Unterstützung zugesagt

Den Mitarbeitern von „Tante Emma“ wünschte Goetze „offene Ohren und ein weites Herz“ angesichts der Not der Mitmenschen. Taten seien wichtiger als Worte, sagte der katholische Pfarrer Wendelin Meissner. Auch Bürgermeister Jürgen Hoffmann wünschte dem Projekt ein gutes Gelingen. In solchen Initiativen könne jeder „aktiv dazu beitragen, dass die Welt besser wird“.

Der Verein „Tante Emma“ habe in den vergangenen drei Monaten einiges bewegt, sagte Vorsitzender Alexander Roßkopf. Der Verein habe an die 50 Mitglieder. 100 Personen hätten ehrenamtliche Unterstützung zugesagt. Auch bei den Sachspenden gebe es bereits eine solide Basis. Kartoffeln von zwei Rodgauer Bauern, Backwaren der ortsansässigen Bäckereien und Lebensmittel der beiden Lidl-Filialen gehören dazu. Lücken gebe es noch bei Fleisch- und Milchprodukten sowie Waschmittel und Hygieneartikeln.

„Wir sind der Entsorger für die Märkte. Wir kriegen alles, was nicht mehr verkäuflich ist“, erläutert Lothar Mark, der für „Tante Emma“ Spenden einwirbt. Als Beispiel nennt er einen Eierkarton, in dem ein Ei kaputt ist - oder ein Netz Äpfel, bei dem einer braune Stellen hat.. Die Helfer/innen an der Hintergasse sortieren das Verdorbene aus und packen die guten Sachen neu ein. Zwischen 25 und 40 Prozent der angelieferten Ware landen auf dem Kompost oder im Müll.

Als neuer Akteur im Markt der „Tafeln“ und Lebensmittelverteilstellen muss der Verein „Tante Emma“ durch Schnelligkeit und Zuverlässigkeit überzeugen. Ein Anruf genügt - und die Rodgauer holen ab. Auf diese Weise erhielt „Tante Emma“ am Freitag einen großen Posten Müsli mit eingedellten Kartons. Im Lidl-Zentrallager Alzenau war eine ganze Ladung umgekippt. Das Müsli hält sich noch bis 2012, lässt sich aber wegen der Dellen im Karton nicht mehr verkaufen. Der Discounter kann den Verlust verschmerzen und die Kunden von „Tante Emma“ können sich freuen. Lothar Mark kommentiert lachend: „Der Gabelstaplerfahrer ist unser Freund.“

Quelle: op-online.de

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