Nicht vom digitalen Lernen abgehängt: Munavero hilft Flüchtlingsfamilien

Ohne Computer geht gar nichts

Die Schüler aus Flüchtlingsfamilien sind dankbar für die Laptops, die sie zur Verfügung gestellt bekommen.
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Die Schüler aus Flüchtlingsfamilien sind dankbar für die Laptops, die sie zur Verfügung gestellt bekommen.

Rodgau – Dank neuer Laptops verbessert sich in diesen schwierigen Zeiten die Lernsituation von Schülerinnen und Schülern aus Flüchtlingsfamilien. Der Rodgauer Verein für multinationale Verständigung Munavero stellt den Familien sieben Computer leihweise zur Verfügung. So können ihre Kinder an digitalen Unterrichtsangeboten teilnehmen, den Rechner für ihre Hausaufgaben nutzen und sind nicht vom digitalen Lernen abgehängt. Bei der Vergabe wurde vor allem Augenmerk auf eine Versorgung von Schülern an weiterführenden Schulen gelegt.

Zwei Geräte wurden dem Verein gespendet und fünf weitere als gute Gebrauchtgeräte aus Spendenmitteln beschafft. Alle bleiben Eigentum des Vereins. Die Rechner müssen zurückgegeben werden, wenn die Schulausbildung abgeschlossen ist. Einen Leihvertrag mussten die Eltern unterzeichnen.

Sieben Familien, alle mit mehreren Schulkindern, freuten sich, je einen mit aktuellem Windows-Betriebssystem und erforderlicher Software ausgestatten PC in Empfang nehmen zu können. Die Geräte sind mit Software ausgestattet, die den Bedarf für den schulischen Einsatz abdecken sollte.

Der Integrationslotse Mahmoud Haji, selbst Flüchtling aus Syrien, richtete die Rechner ein, half mit einer ersten Unterweisung und beantwortete Fragen. Er hat auch zugesagt, weiterhin bei Problemen der Schüler Beratung und Hilfe zu leisten. Wenigstens einmal pro Woche soll es im Sprachzentrum am Puiseauxplatz möglich sein, Dokumente auszudrucken.

Die Nachfrage nach Computern in den Flüchtlingsfamilien ist viel größer. Denn die Kinder sind oft von digitalen Lernangeboten ausgeschlossen. Ronald Becker, Sprachlehrer und stellvertretender Vorsitzender des Vereins: „Heute wird schon bei regulärem Schulbetrieb vorausgesetzt, dass ältere Schüler, insbesondere wenn sie weiterführende Schulen besuchen, zur Erledigung von Hausaufgaben einen Computer nutzen und auf Informationen aus dem Internet zugreifen können. Wichtig wird das, wenn Präsenz-Unterricht wegen der Corona-Pandemie eingeschränkt werden muss und die Schüler teilweise oder ganz zu Hause arbeiten sollen.“

Elske Ostermann-Knopp erläutert: Neben den Sprachproblemen müssen die Kinder anfangs in vielen Fächern Lernstoff nachholen oder neulernen. Dazu komme häufig eine provisorische Unterbringung und häusliche Ausstattung, die keinen festen Arbeitsplatz für sie zulasse. „Auch das Zurechtfinden in einer anderen Kultur und Umgebung oder gar zu überwindende Traumata machen den Jugendlichen das Schritthalten mit ihren deutschen Mitschülern nicht einfacher“, sagt die Pädagogin.

Elske Ostermann-Knopp (ehemalige Stufenleiterin an der Heinrich-Böll-Schule) und Gudrun Behring (langjährige Leiterin der Gartenstadt-Schule) haben den ehrenamtlichen Sprachunterricht aufgebaut. Seit 2014 unterrichten beide Pensionärinnen und weitere Sprachlehrer zweimal wöchentlich erwachsene Geflüchtete.

Je nach Herkunft und Lebensweg selbst im gleichen Land bringen die Lernenden unterschiedliche Voraussetzungen mit. Da ist Differenzierung im Unterricht wie an einer einklassigen Volksschule erforderlich und jede Stunde mehrgleisig vorzubereiten. Manchmal leisten die Lehrerinnen allerdings Förderunterricht parallel zu offiziell angebotenen Sprach- oder Integrationskursen, wenn Teilnehmer sich überfordert fühlen.

Elske Ostermann hat sich der schwierigen Aufgabe angenommen, Menschen zu „alphabetisieren“, die nie eine Schule besucht haben oder aus einem Sprachraum stammen, in dem völlig andere Schriftzeichen genutzt werden – ihnen also neben dem Verstehen des gesprochenen Wortes zunächst die lateinische Schrift, das deutsche Alphabet und die Fähigkeit, des Schreibens und Lesens zu vermitteln. „Vereinzelt“, so sagt sie, „kamen Menschen zu uns und wollten erstmals das Alphabet lernen. Dabei hatte man ihnen bereits die erfolgreiche Teilnahme an einem Deutschkurs bescheinigt, ohne zu bemerken, dass die Person weder lesen noch schreiben konnte. Bildungsstand und sprachliche Voraussetzungen der Eltern Geflüchteter wirken sich natürlich entscheidend auch auf die Chancen der Kinder aus. Nur selten sind die Eltern in der Lage, ihre Kinder beim Lernen oder bei schulischen Problemen zu unterstützen, wie das seitens der Schulen grundsätzlich erwartet und auch bei coronabedingtem Homeschooling vorausgesetzt wird. Der Zugang zu digitalen Unterrichtangeboten durch Ausstattung mit Laptops ist daher gerade für diese Jugendlichen besonders wichtig.“

Corona macht die Unterstützung von Geflüchteten allenthalben schwieriger und zwingt den Verein, neue Wege zu gehen. Nachdem der Sprachunterricht für Geflüchtete im Frühjahr eine Zeit lang eingestellt wurde, haben die Sprachlehrer ihn ab Mai schrittweise wieder aufgenommen. In den zur Verfügung stehenden Räumen und teilweise sogar vor der Tür konnte er aber nur in Kleingruppen erteilt werden, deren Größe durch die Einhaltung der geltenden Corona-Sicherheitsregeln bestimmt war (so gut wie alle Sprachlehrer gehören schon altersbedingt zur Risikogruppe). Auch die Hausaufgabenhilfe wurde mit Kleingruppen wieder aufgenommen, wobei das Team wegen berechtigter Gesundheitsbedenken der ältesten Helfer deutlich geschrumpft ist. Über eine Verstärkung durch jüngere Helfer würde der Verein sich sehr freuen.

Wegen des Anstiegs der Infektionszahlen und der Verschärfung der Coronabedingten Einschränkungen haben die Sprachlehrer des Vereins erneut eine Unterbrechung von Unterricht und Hausaufgabenhilfe beschlossen.

Zur Fortsetzung der Aktion bittet Munavero um weitere Geldspenden auf sein Sonderkonto für Flüchtlingsarbeit/ Sprachunterricht: IBAN DE40 5085 2651 0155 0199 38; BIC: HELADEF1DIE.

Gefragt sind außerdem auch gute gebrauchte Rechner. Für die Beratung der Schüler und den geplanten Druckservice werden darüber hinaus noch ehrenamtliche Helfer mit PC- und Datenverarbeitungs-Kenntnissen gesucht, die dies zeitweise übernehmen können. Kontakt: z 06106 733325.  siw

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