VOR 75 JAHREN 

Als amerikanische Truppen die Rodgau-Gemeinden besetzten – Ohne einen einzigen Schuss

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1945 - Die Amerikaner marschieren in deutsche Städte und Gemeinden ein. (Symbolbild)

Sechs Wochen vor der Kapitulation des „Dritten Reichs“ war der Zweite Weltkrieg im Rodgau vorbei. Heute vor 75 Jahren besetzten amerikanische Truppen die fünf Dörfer von Nieder-Roden bis Weiskirchen. Zwei Tage zuvor hatten sie Darmstadt befreit. 

Rodgau – Als die Jeeps und Panzer durch die Rodgauer Gemeinden rollten, fiel kein einziger Schuss. Weiße Tücher hingen an den Häusern. Es war der Montag nach Palmsonntag, eine Woche vor Ostern.

Die Kirchenchronik der katholischen Pfarrgemeinde St. Matthias schildert die Ankunft der Amerikaner im Stakkato-Stil: „Einige Männer von hier (...) gehen zum Gänseeck, um zu verhandeln. Das Dorf wie die ganze Umgegend weiß geflaggt. Mächtige Detonationen hörbar. Tiefflieger. Rollen der Geschütze. Alles in heller Aufregung. Deutsches Militär überhaupt nicht mehr sichtbar. 9.20 Uhr rollen die ersten Amerikaner in Nieder-Roden ein. Ohne einen Schuss. Ab 13.00 Uhr rollen Panzer, motorisierte Fahrzeuge ununterbrochen zwei volle Stunden gegen Dudenhofen. Tiefflieger begleiten die fahrenden Kolonnen. Herrliches Frühlingswetter.“

Die Sicht der evangelischen Kirchenchronik: „Das Jahr 1945 brachte die Katastrophe, die kommen musste.“

Eine andere Sicht der Dinge steht in der evangelischen Kirchenchronik Dudenhofen: „Das Jahr 1945 brachte die Katastrophe, die kommen musste und die nach Tagen furchtbarster Anspannung den Einmarsch der Amerikaner brachte. (…) Der Gottesdienst am Palmsonntag musste abgebrochen werden, da amerikanische Panzer in nächster Nähe waren. Der Sonntag und die Nacht darauf waren unfasslich. In der Nacht waren viele in den Kellern, nachdem die letzten deutschen Soldaten abgezogen waren.“

In den letzten Kriegstagen hatten die Amerikaner Flugblätter über abgeworfen, die „an den Bürgermeister“ adressiert waren. Der Text war unmissverständlich: „Wenn Sie Ihren Ort und die Bevölkerung retten wollen, müssen die folgenden Anweisungen sofort ausgeführt werden: 1. Eine weiße Fahne ist sichtbar am höchsten Gebäude des Ortes auszuhängen. 2. Ein Bevollmächtigter unter weißer Fahne ist in der Richtung der amerikanischen Truppen zu entsenden. 3. Alle Minen und Barrikaden sind zu beseitigen.“

Zeitzeugen erzählen vom „friedlichen Einmarsch“ der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg

In Jügesheim ging Anton Joachim Emge (genannt „Sherry“) den Amerikanern entgegen, weil er Englisch konnte. Was er nicht wusste: Im Keller der Schule hatten sich noch Soldaten versteckt. „Das hätte auch schief ausgehen können“, erinnerte sich eine Zeitzeugin in Michael Jägers Buch „Rodgau 1945“.

Kurt Wolf aus Weiskirchen erzählte vor fünf Jahren im Gespräch mit unserer Zeitung ebenfalls von einem friedlichen Einmarsch. Nur durch einen glücklichen Zufall war der damals 15-Jährige in den letzten Kriegstagen der Einberufung entgangen. Was er bemerkenswert fand: Als die amerikanischen Soldaten eine Wohnung beschlagnahmten, warteten sie ab, bis die Bewohnerinnen ihre Kleidung und den Hausrat herausgetragen hatten.

Nach dem Ende des „Dritten Reich“ beginnt eine neue Zeit - „Was es heißt frei zu sein“ 

Als erste „Amtshandlung“ setzten die US-Truppen in jeder Gemeinde einen kommissarischen Bürgermeister ein. Handschriftlich formulierte der kommandierende Offizier erste Anweisungen. Das Original aus Jügesheim ist im Stadtarchiv erhalten. Es enthält unter anderem eine nächtliche Ausgangssperre und die Anordnung, alle Waffen und Munition einzusammeln. Und: „Zivilisten, welche deutsche Soldaten beherbergen und ernähren, werden erschossen.“

Zahlreiche Nazi-Funktionäre hatten sich am 24. oder 25. März aus ihren Heimatgemeinden abgesetzt, um einer Verhaftung durch die Amerikaner zu entgehen, wie Michael Jäger in „Rodgau 1945“ schreibt. Zwei NS-Funktionäre begingen Selbstmord.

„Man hat sich vor allen Dingen gefreut, dass der Krieg rum war“ und „Die Leute waren wie erlöst“, zitiert Jäger aus Aussagen von Zeitzeugen. Nach der Kindheit im Nazi-Deutschland begann für Kurt Wolf und seine Altersgenossen eine neue Zeit: „Da haben wir erst festgestellt, was es heißt, frei zu sein.“

Mit der Metzgerei Ricker wechselt eins der traditionsreichsten Familienunternehmen in Rodgau den Besitzer.

von EKKEHARD WOLF

Quelle: op-online.de

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