Auf den Ozeanen daheim

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Uwe Rädiker

Rodgau - In seiner Jugend und im ersten Beruf als Binnenschiffer befuhr Uwe Rädiker die großen Binnen-Schifffahrtsstraßen Europas. Heute, als Rentner, macht der Nieder-Röder eine zweite Karriere auf See. Von Klaus Kölpin

Er überführt im Spätherbst Segelschiffe am Ende der Kreuzfahrtsaison aus dem Mittelmeer in holländische Werften zur Reparatur für die Saison im nächsten Jahr.

Der 70-Jährige hat nun schon drei solcher Abenteuertörns bei herbstlichem Sturmwetter hinter sich. „Zahlenden Gästen kann man das nicht zumuten. Das Schiff schaukelt zu dieser Jahreszeit erheblich. Die Toiletten schwappen über und in der Küche müssen wir uns festbinden. Manchmal bewegt man sich am besten auf allen Vieren“, beschreibt der Seebär den rustikalen Charme solcher Fahrten.

Als junger Mann erlebte er den Umschwung von den klassischen Schleppverbänden zu den heutigen Schubverbänden. Doch immer, wenn er den letzten Binnenschifffahrtshafen - seien dies nun Rotterdam, Hamburg und mehr - erreichte und der Blick frei wurde auf das Meer und die große weite Welt, musste er anlegen. Uwe Rädiker blieb nur die Sehnsucht. Bis zum Eintritt ins Rentenalter. Dann erfüllter er sich seinen Wunsch. Aus dem Binnenschiffer wurde ein Hochseekapitän - wenngleich nur für begrenzte Zeit. Unterwegs war er inzwischen zum Beispiel mit der Dreimast-Barkentine „Atlantis“ mit einer Länge von 57 Metern und einer Segelfläche von 742 Quadratmetern (weitere Infos zur „Atlantis“ auf dieser Seite). Bereits dreimal gehörte der in Nieder-Roden wohnende Uwe Rädiker, auch Mitglied der Rodgauer Segler, zur Überführungs-Crew, die jeweils im Herbst den Dreimaster nach der sommerlichen Chartersaison im Mittelmeer über rund 2 500 Seemeilen von Nizza zur Überwinterung in den niederländischen Basis Harlingen überführt. Der Weg führte über die Straße von Gibraltar, über den Atlantik und die im Spätherbst meist stürmische Biskaya und durch den Englischen Kanal.

Der letzte Törn 2012 startete am 29. Oktober in Nizza und endete am 12. November an der niederländischen Küste. Immer unter vollen Segeln und unter Motor wurde rund um die Uhr „volles Rohr“ gefahren mit drei Wachmannschaften - jeweils vier Personen -, wobei Uwe Rädiker die so genannte „Hundewache“ mit übernahm, also täglich von Mitternacht bis vier Uhr morgens und dann nochmals von 12 bis 16 Uhr. Die Aufgaben unter anderem: Rudergehen, Segeltrimm, Funkwache, Kurs bestimmen und kontrollieren, den Lauf beider Maschinen überwachen und mehr. Jeden Tag hatte zudem eine Wache Backschaft, also Küchendienst. Dazu wurden zwei Mann/Frau abgestellt.

Die „Atlantis“ hat eine stolze Tradition. 1905 in Dienst gestellt, wies sie als Feuerschiff „Elbe II“ fast 80 Jahre lang der Schifffahrt den Weg von der Nordsee in die Unterelbe Richtung Cuxhaven und Hamburg. Der erste Umbau zum Segler erfolgte 1984 bis 1985 in Kiel. Uwe Rädiker (Bild oben, rechts) hat sie nach der jüngsten Charterfahrt in ihren Heimathafen überführt.

Die Überführung des fast 100 Jahre alten Schiffes erfolgt jeweils zum Saisonende ohne Passagiere. Technische Pannen und Probleme bleiben nicht aus. Oft muss die Crew improvisieren. Ein Auszug aus dem Log-Buch von Uwe Rädiker belegt dies: „Fahrtgeschwindigkeit bei etwa neun Knoten über Grund, leider nur bis Cascais vor der Einfahrt nach Lissabon. Hier ankern wir von 15 bis 19 Uhr. Ein Teil der Crew ging Lebensmittel einkaufen. Wir anderen überprüften das Leck an der Kühlwasserleitung der Maschine. Danach flickten mein Steuermann und ich noch einen Riss im Vor-Obermars-Segel Steuerbordseite. Das Auslaufen in das Hauptfahrwasser zum Atlantik gestaltete sich problematisch. Es war inzwischen dunkel geworden und wir waren umgeben von Fischernetzen. Mit Handscheinwerfer und meinem guten Fernglas konnten wir aber unbeschadet in die Haupt-Schifffahrtsstraße einbiegen.“ Uwe Rädiker gehört inzwischen zum Kern der herbstlichen Überführungscrew. Doch damit nicht genug: Bereits viermal nahm er an Traditionsregatten auf dem Ijsellmeer teil; einmal auf der „Passaat“ und dreimal auf der „Poseidon“, beides über 100 Jahre alte Segler-Zweimaster, die auch alljährlich seit über 20 Jahren im Herbst vom Verein der Rodgauer Segler für bis zu 30 Personen gebucht werden. Uwe Rädiker kommt bei den Törns die Erfahrung aus seinem zweiten Beruf zugute, dem des Fernfahrers und Speditionsberaters. Er kennt das Leben und Übernachten auf engstem Raum. Schon heute freut sich der lebensfrohe Segler-Senior auf die nächsten Törns: im Herbst oder wenn möglich früher - wo auch immer.

Quelle: op-online.de

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