Pflegeleichte Gräber gefragt

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Gisela Born aus Dudenhofen hat die ersten Frühlingsblumen auf das Grab ihres Mannes gepflanzt. Dazu pflegt sie das Grab ihrer Eltern. "Meinen Kindern will ich diese Arbeit nicht zumuten", sagt sie.  

Rodgau - (eh) Die Friedhofsflächen in Rodgau sind für die nächsten 30 Jahre mehr als ausreichend, nur in Weiskirchen muss das Erweiterungsgelände vielleicht in Anspruch genommen werden. Zu diesem Schluss kommt das Planungsbüro „Plan-Rat“ aus Kassel, das die Bevölkerungsstruktur und die Friedhöfe der Stadt Rodgau seit Mai letzten Jahres gründlich unter die Lupe genommen hat.

Erste Empfehlungen für ein neues Friedhofskonzept stellten die Planer am Dienstag im Haupt- und Finanzausschuss vor. Sechs der sieben Friedhöfe sollen demnach weiterhin belegt werden, der alte Friedhof Nieder-Roden bleibt als Reserve, weitere Urnenwände werden nicht gebaut.

Jahr für Jahr sterben derzeit etwa 300 Einwohner/innen der Stadt Rodgau, in 30 Jahren werden es fast doppelt so viele sein. Dennoch braucht die Stadt keine größeren Friedhöfe. Seit Jahren ist ein klarer Trend zur Feuerbestattung zu beobachten - und ein Urnengrab braucht nun mal weniger Platz als die Erdbestattung im Sarg. Die Nachfrage nach Plätzen in der Urnenwand ist rasant gestiegen, vor allem in Hainhausen. Auch neue Bestattungsformen sind gefragt, etwa die Urnenbeisetzung in einer Wiese. Der Wunsch nach der „Letzten Ruhe unter Bäumen“ wurde schon vor Jahren in Nieder-Roden laut, erwies sich damals aber nicht als realisierbar.

„Die Friedhofsverwaltung steht in einer Marktsituation. Sie muss attraktive Angebote machen, sonst laufen ihr die Kunden weg.“ Mit diesen Worten vermittelte Landschaftsarchitekt Martin Venne am Montag eine neue Sicht aufs Friedhofswesen. In der vergangenen Dekade wurden fast alle Rodgauer Toten (91 bis 98 Prozent) auch hier zur letzten Ruhe gebettet, in 30 Jahren könnten es nur noch 86 % sein. Nach Ansicht der Gutachter könnte die Quote der örtlichen Bestattungen sogar auf 71 % sinken: Die Konkurrenz von „Friedwald“ & Co. ist groß.

Mit einem Angebot neuer Bestattungsformen will das Ingenieurbüro „Plan-Rat“ dieser Entwicklung entgegensteuern. Nach der Erfahrung der Planer, die seit 20 Jahren Friedhöfe konzipieren, sind vor allem pflegefreie und pflegeleichte Grabstätten gefragt. Als ergänzendes Grundangebot für alle Stadtteile schlagen sie deshalb so genannte Rasengräber vor: mit Grabstein an der Kopfseite und der Möglichkeit, davor einige Blumen zu pflanzen. Auf der übrigen Fläche wird Rasen eingesät, den die Friedhofsgärtner regelmäßig mähen. Solche pflegeleichten Gräber sollen in Jügesheim bevorzugt auf dem alten Friedhof angelegt werden.

Im der Hainhäuser Urnenwand sind nur noch 10 von 74 Fächern frei.

Die Lücken, die im Lauf der Zeit in den Reihen der Wahlgräber entstehen, könnten so genannte „Efeugräber“ füllen. Sie eignen sich nach Ansicht der Planer vor allem für Standorte in der Nähe von Bäumen, wie es sie in Dudenhofen, Jügesheim und Nieder-Roden gibt. Auf einer Fläche von etwa fünf mal fünf Metern werden Bodendecker gepflanzt, unter denen mehrere Urnen liegen. Die Namen der Verstorbenen werden in einen gemeinsamen Natursteinblock eingemeißelt.

Thematisch gestaltete Gemeinschaftsanlagen sollen das Angebot abrunden. Auch die Kindergräber in allen Stadtteilen können mit einfachen Mitteln optisch aufgewertet werden.

Ein Gräberfeld für Muslime und ein Gemeinschaftsgrab für tot geborene Kinder wollen die Leute von „Plan-Rat“ zentral auf dem Jügesheimer Waldfriedhof anlegen. Dort sehen sie hinter der Trauerhalle auch einen Ort für einen so genannten Bestattungshain: ein junges Kiefernwäldchen als pflegeleichte Gemeinschaftsanlage mit einer gemeinsamen Gedenkskulptur und Namensinschriften.

Die Zukunft der Friedhöfe ist auch ein Thema der Ortsbeiräte. Sie befassen sich am Montag, 9. März, um 19.30 Uhr in einer gemeinsamen Sitzung im Bürgerhaus Weiskirchen mit den Vorschlägen der Firma „Plan-Rat“. Die Stadtverordnetenversammlung soll dann im März über das Friedhofskonzept entscheiden - das zumindest hofft Erste Stadträtin Hildegard Ripper (CDU). Die Gutachterkosten von mehr als 50 000 Euro sind nach ihrer Überzeugung gut angelegt: „Allein mit Bordmitteln hätten wir eine solche Planung nie bewerkstelligen können.“

Dieser Ansicht ist auch Stadtrat Michael Schüßler (FDP), dessen Dezernat die Friedhofsgebühren vor zwei Jahren von Grund auf neu kalkuliert hatte: „In diesem Fall war es einfach sinnvoll, externen Sachverstand einzubeziehen.“ Im Vergleich zu den jährlichen Kosten des Friedhofswesens von mehr als einer Million Euro sei das Gutachterhonorar in vertretbarem Rahmen. Vor wenigen Jahren sollte allein die Erweiterung des neuen Friedhofs Nieder-Roden rund drei Millionen kosten, wie Schüßler in Erinnerung ruft. Das Planungsbüro habe nun nachgewiesen, dass diese Erweiterung überhaupt nicht notwendig sei.

Letzte Ruhe unter Bäumen oder unter Efeu

Für die sieben Friedhöfe im Stadtgebiet haben die Planer eine Reihe an Empfehlungen formuliert:

Jügesheim: Der alte Friedhof wird wieder belegt, allerdings vorwiegend mit Rasengräbern und anderen pflegeleichten Grabformen. Der Waldfriedhof bietet Platz für einen „Bestattungshain“, ein Gemeinschaftsgrab für tot geborene Kinder und bei Bedarf ein muslimisches Gräberfeld. Die Flächen in der Nähe der Zubringerstraße zur B 45 werden langfristig nicht mehr benötigt.

Dudenhofen: Ein neues Urnengrabfeld ist bereits geplant. Frei werdende Plätze unter Bäumen werden mit so genannten „Efeugräbern“ belegt. Auf Dauer wird nur noch der alte Kernbereich innerhalb der Friedhofsmauern benötigt, das nördliche Gelände kann dann aus der Friedhofsnutzung entlassen werden.

Nieder-Roden: Der neue Friedhof reicht für die absehbare Nachfrage aus, auch wenn keine weiteren Urnenwände errichtet werden. Erdbestattungen sollen sich auf die durchlässigen Böden konzentrieren. Im „schweren“ Boden, wo die Verwesung langsamer verläuft, sollen Urnen beigesetzt werden. Der alte Friedhof wird seit zehn Jahren nicht mehr belegt. Er verwandelt sich nach und nach in einen Park, der auch nach dem Ende der Ruhefristen 2029 offiziell ein Friedhof bleiben soll - als Reservefläche für unvorhersehbare Entwicklungen.

Hainhausen: Obwohl die Urnenwand fast voll belegt ist, wird sie nicht erweitert, um in Zukunft hässliche Lücken auf dem Friedhof zu vermeiden. Pflegefreie Bestattungsangebote sind auch ohne teure Investition möglich. Von thematisch gestalteten Flächen oder einem Bestattungshain profitiert das Erscheinungsbild der gesamten Anlage.

Weiskirchen: Wenn der Anteil an Erdbestattungen weiterhin so hoch bleibt (75 bis 80 %), wird die Erweiterungsfläche in etwa zehn Jahren benötigt.

Quelle: op-online.de

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