Verein macht Poker gesellschaftsfähig

Zwischen Berechnung und Zufall

+
Welche Karten haben wohl die Mitspieler auf der Hand? Am Pokertisch kann es verräterisch sein, wenn man plötzlich mit den Chips spielt.

Hainhausen - Ist Rodgau eine Stadt des Glücksspiels? Ein Verein will das Pokerspiel aus der Zocker-Ecke herausholen. Mit Erfolg: Bei den Turnieren steht der Spaß am Kartenspiel im Vordergrund. Und die Startgebühr treibt niemanden in den Ruin. Von Peter Petrat 

Angespannte Stille, versteinerte Blicke und tief ins Gesicht gezogene Sonnenbrillen. Die Karten werden verteilt. Ohne Regung wird schnell unter die Karten geblickt, bevor man vor der bedeutsamen Entscheidung steht, alle übrigen Chips setzen und alles riskieren oder auf eine bessere Hand warten. Der Spieler nebenan räuspert, der Dealer blickt erwartungsvoll, aber eindringlich herüber. Was nun?

Ganz so ernst und verbissen sehen es die Teilnehmer bei den regelmäßigen Turnieren der Pokerliga Rodgau aber nun wirklich nicht. Der Spaß am Spiel steht eindeutig im Vordergrund, viele kommen auch einfach wegen der besonderen Atmosphäre oder um sich mit anderen zusammen zu freuen und zu unterhalten. Und niemand spielt sich hier in den Ruin, dafür ist die Startgebühr bei den Turnieren zu gering und die maximale Teilnahme an einem Tag begrenzt. Die gesponserten Sachpreise sind für die meisten Teilnehmer zwar ein netter Nebeneffekt, aber nicht selten fragen die Turniersieger am Ende eines Tages, was es denn eigentlich zu gewinnen gab.

Das klassische Pokerface

Das klassische Pokerface sucht man auch vergeblich, dafür hat aber jede Spieler so seine Gewohnheiten und verräterische Reaktionen. Manche spielen mit den Chips, lassen sie durch die Finger gleiten, fangen an besonders viel zu reden, versuchen sich besonders entspannt zurückzulehnen oder werden auf einmal doch etwas ruhiger. Kurz nach 11 Uhr am Sonntagmorgen treffen die ersten Teilnehmer ein und lösen ihr Ticket, entweder für einen oder für drei Qualifikationstische. Die beiden Sieger jedes Tischs, also diejenigen, die als letzte an einem Tisch übrig bleiben, dürfen später in der Finalrunde spielen.

Als die ersten zehn Spieler beisammen sind, wird der erste Tisch eröffnet. Die Kartengeberin, der so genannte Dealer, nimmt Platz. Darum gruppieren sich die Spieler in zufällig gezogener Reihenfolge: erst ein junger Mann in Kapuzenpulli, daneben ein älterer Herr mit Pulli und Brille, neben ihm eine Frau mit langen Haaren und einem Lächeln im Gesicht. Die ersten paar Runden tasten sich die Spieler gegenseitig ab, viele der ausgeteilten Karten werden überhaupt nicht gespielt oder bringen kaum Chips. Die Mindesteinsätze, Blinds genannt, sind am Anfang auch noch recht niedrig. Sie steigen aber im Lauf der Zeit und machen es am Ende mitunter teuer, seine Karten gleich wegzuwerfen.

Die Blinds steigen

Lesen Sie dazu auch:

Kommentar: Alles verbieten!

Pokern wie die Asse in Las Vegas

Nach einigen Minuten steigen die Blinds das erste Mal. Einige Chips sind bereits über das rote Filztuch gewandert. Der erfahrene ältere Herr hat seine Spielchips bereits deutlich vermehrt. Er umschließt die Türmchen mit blauen, grünen und schwarzen Jetons mit seinen Händen. Trotzdem beteiligt er sich an den Gesprächen am Tisch, macht Scherze - seine Strategie scheint bisher aufzugehen.

Jetzt ist er am Zug, der so genannte „Flop“ liegt auf dem Tisch, die ersten drei für alle geltenden Karten sind also aufgedeckt. Der junge Mann vor ihm hat seine Karten bereits weggeworfen, aber es sind noch fünf andere Spieler dabei. Der erfahrene Spieler schaut in die Runde, überlegt kurz und klopft dann auf den Tisch. Das bedeutet, er macht erst einmal nichts und der Nächste ist an der Reihe. Die Dame nebenan macht dasselbe, der nächste Spieler aber deutet das Verhalten als Schwäche und schiebt einen Stapel 100er Richtung Tischmitte. Nun müssen die beiden davor doch noch etwas tun, entweder ebenfalls setzen oder aussteigen. Hatten sie wirklich nichts auf der Hand oder wollten sie ihre Mitspieler nur in Sicherheit wiegen, um so mehr Chips gewinnen zu können?

Raubüberfall auf Promi-Poker-Turnier in Berlin

Raubüberfall auf Promi-Poker-Turnier in Berlin

Auf der anderen Seite des Tisches ist einer der Spieler sogar bereits ganz ausgeschieden, bleibt aber noch sitzen. Gleich in den ersten Runden hatte er Pech. Mit einem guten Blatt lag er vorne, bis die letzte von fünf Karten in der Tischmitte aufgedeckt wurde. Nur ganz wenige Karten hätten ihm seinen Sieg nehmen können, aber genau so eine kam und sein Mitspieler kassierte alle seine gesetzten Chips. „Das gehört dazu, so ist das Spiel“, tröstet sich der Verlierer und freut sich auf die nächster Runde, die er aber unbedingt wieder am selben Tisch spielen möchte. Zwar gehöre auch Glück dazu, sagt er, aber am Ende sei es nur eine Abwägung von Risiko, Einsatz und Gewinn.

Am Tisch nebenan hat es ein neuer Teilnehmer gleich geschafft, als einer der beiden Besten übrig zu bleiben. Jetzt gilt es im so genannten Heads up noch auszuspielen, wer gewinnt und 2500 Chips fürs Finale mitnimmt und wer nur 1500 erhält. Oft gibt es ein Gentlemens’ Agreement, also eine Einigung, bei der jeder 2000 Chips bekommt. In diesem Fall aber schaut der Neuling stolz auf seinen Stapel, der deutlich höher ist als der seines Gegenübers und entscheidet sich, das Ganze auszuspielen. Auch wenn der Spieler mit den meisten Chips in der Regel die besseren Chancen hat, verliert er recht schnell. Aber das stört ihn nicht, der Spaß war es ihm wert.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare