„Polen ist wirklich ein tolles Land“

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Cathérine Schilling.

Jügesheim (fma) ‐ Ein Freiwilliges soziales Jahr in Danzig absolviert Cathérine Schilling (20) seit September in Polen. Jetzt, bei ihrem einzigen „Heimaturlaub“, erzählt sie begeistert von ihren Erfahrungen: „Polen ist wirklich ein tolles Land, es gibt schöne Städte, die Menschen sind sehr nett.“ Nur eines stimmt sie nachdenklich: „Besonders die jungen Leute dort können nicht verstehen, warum jemand aus Deutschland nach Polen kommt. Aber ich glaube, das ist ein Teil der polnischen Mentalität.

Am 1. September, dem 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf das Nachbarland, hatte die Jügesheimer Abiturientin die weite Zugfahrt nach Krakau und dann nach Danzig angetreten. „Ich möchte in Polen einen kleinen Beitrag zum deutsch-polnischen Verhältnis leisten“, erklärt die 20-Jährige. Sie arbeitet in der KZ-Gedenkstätte Stutthof und organisiert dort den Aufenthalt deutscher Besucher. Zudem verbringt sie Zeit mit ehemaligen KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern. „Ich besuche drei Frauen und einen Mann jeweils einmal in der Woche. Zwei von ihnen sprechen sehr gut Deutsch, weil sie als Kind oder Jugendliche in Lagern waren und gezwungen wurden, Deutsch zu lernen.“ Ihre Aufgaben reichen von Einkaufen und Putzen über bloßes Zuhören und Kuchen essen. „Es ist sehr schön zu merken, dass sich die Leute wirklich freuen, wenn man kommt“, berichtet die Abiturientin.

Untergebracht ist Cathérine in einer schönen Drei-Zimmer-Wohnung, nur 15 Busminuten entfernt vom Stadtzentrum in Danzig. Sie wohnt gemeinsam mit ihrer Mitfreiwilligen Iryna, einer 22-jährige Ukrainerin, die ebenfalls in der Gedenkstätte Stutthof arbeitet. Über die Universität haben sie auch junge Polen kennen gelernt: „Wir waren halt offensiv aktiv“, lacht die 20-Jährige. Bei ihrer Arbeit kommen die Freiwilligen nur mit älteren Leuten in Kontakt: „Die sind zwar alle total nett, aber irgendwie nicht die Richtigen, um freitags abends auszugehen.

Neben ihrer Arbeit möchte die 20-Jährige so viel wie möglich vom Land sehen. Krakau, Warschau, Lodz und Thorn (Torun) hat sie bereits besucht. Zugreisen sind zwar günstig, aber: „Zehn Stunden von Danzig bis nach Krakau sind keine Seltenheit.

Wie kam es dazu, dass sich Cathérine für die Arbeit in einem unter Jugendlichen eher unpopulären Nachbarland entschieden hat? „Die Frage habe ich bestimmt 20 Mal gestellt bekommen. Ich antworte meistens: Wieso nicht? Ich finde, dass Polen ein sehr schönes Land mit einer sehr interessanten Kultur ist.“ Nach dem Abitur an der Ziehenschule in Frankfurt entschied sie, sich an der Arbeit der „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ (ASF) zu beteiligen. Diese organisiert in 13 Ländern den Aufenthalt von Freiwilligen, die sich für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen einsetzen. Sie engagieren sich in Gedenkstätten, Museen, Frauenhäusern oder Antirassismus- und Friedensprojekten.

Vor ihrem Aufenthalt in Polen musste Cathérine zunächst einen Förderkreis aufbauen. „Ich musste mindestens 15 Leute suchen, von denen jeder monatlich zehn Euro an die ASF spendet“, sagt die 20-Jährige. Hinzu kommt ein Solidaritätsbeitrag von 650 Euro, der allerdings die Anreise und die zwölfmonatige Unterkunft sowie ein „Taschen- und Verpflegungsgeld“ enthält. Im August fuhr sie dann zum ersten Mal nach Krakau, um dort einen Sprachkurs für die Freiwilligen zu besuchen. Danach hieß es schon bald Abschied nehmen. Besonders ihre beiden Schwestern fehlen Cathérine: „Die kleine ist erst acht und war sehr traurig, mich so lange nicht zu sehen.

Seit Samstag ist die junge Frau für ein paar Tage daheim, um mit ihrer Familie Weihnachten zu feiern. An Silvester wird sie wieder in Polen sein - und ihrer Familie per Internet-Videotelefon ein gutes neues Jahr wünschen.

Quelle: op-online.de

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