Klassenzimmer im Heimatmuseum

Prägende Erinnerung

+
Auf der Schiefertafel zu schreiben ist für heutige Schüler anfangs recht ungewohnt.

Nieder-Roden - Schule damals: Was es bedeutet, wenn die Großeltern oder Eltern davon reden, wie sie die „Schulbank gedrückt“ haben, lässt sich im Heimatmuseum Nieder-Roden sehr gut nachvollziehen. Von Sven Stripling 

Im Obergeschoss ist ein Klassenzimmer aufgebaut, mit Bänken vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Nimmt man Platz und blickt an die Tafel, fühlt man sich in der Zeit zurückversetzt. „Heini muss eine Stunde aufs Eselsbänkchen, hat Anneliese an den Zöpfen gezogen“, steht an der Tafel im historischen Klassenzimmer. Doch wem sagt das noch was, das „Eselsbänkchen“? Unartige Schüler mussten abseits sitzen, berichtet Günther Keller, der Vorsitzende des Arbeitskreises für Heimatkunde. Auch der Rohrstock diente zur Bestrafung. Heute wäre das undenkbar.

Das Schulsystem und auch die Atmosphäre im Klassenzimmer waren völlig anders als heute. Noch Ende der 50er Jahre bestand eine Klasse aus 35 bis 45 Schülern, erinnert sich Günther Keller. Mit solchen Zahlen kann nicht einmal der Doppeljahrgang 2013 in der Oberstufe mithalten, der durch das Zusammentreffen von G 8 und G 9 entstand - und da schien es in den Räumen schon eng zu werden.

Der Lehrer stand erhöht

Immer noch besser als der Rohrstock...

Da die Klassen so groß waren, gab es früher das so genannte Lehrerpult. Der Lehrer stand erhöht, um die komplette Klasse zu überblicken. Heute reicht den Lehrern meist ein Schreibtisch. Das historische Klassenzimmer hält für Schüler von heute einiges an Merkwürdigkeiten bereit. So berichten alte Schiefertafeln und Griffel, Schreibfedern und das Tintenfass in einer Vertiefung des Tischs davon, dass Collegeblocks und Kugelschreiber erst eine spätere Erfindung sind. Landkarten, Geschichtskarten und große Tafeln von Pflanzen- und Tierarten für den Biologieunterricht erinnern an eine Zeit, als es weder Beamer noch Whiteboards gab. Wer etwas nachschlagen wollte, musste früher Bücher bemühen. Internet? Fehlanzeige!

Selbst Taschenrechner waren noch vor wenigen Jahrzehnten kaum denkbar. Ein Hilfsmittel für Schüler sind sie erst seit einer Generation. Kopfrechnen oder schriftliches Rechnen war angesagt. Als mathematisches Hilfsmittel gab es den Rechenschieber. Das erscheint heute jungen Menschen unwirklich, da man sich ab der siebten Klasse vielleicht zu häufig auf den Taschenrechner verlässt oder gar verlassen muss. Der Besuch im Klassenzimmer ist für Günther Keller wie ein Gang durch die eigene Schulzeit: „Genau so hat das damals ausgesehen.“ Sein alter Schulranzen und seine Tafel sind unter den Exponaten. Seine ersten Schuljahre verbrachte Keller in der Schule an der Kirche. Das Gebäude, in dem sich heute das Museum befindet, war damals Lehrerwohnhaus.

Ferienspaß an drei Rodgauer Schulen

Ferienspaß an drei Rodgauer Schulen

Von getrennten Schulhöfen für Mädchen und Jungen kann das Heimatmuseum allerdings kein Zeugnis mehr ablegen. Dass der Mädchenschulhof zur Turmstraße hin und der Jungenschulhof zu Schulstraße hin lag, davon können nur noch Schüler der damaligen Zeit berichten. Das historische Klassenzimmer war erstmals 1986 im Festzug zur 1200-Jahr-Feier Nieder-Rodens zu sehen. Rektor Schunn von der Schule am Bürgerhaus hatte die Gegenstände zusammengetragen. Lehrer Jakobi fuhr auf dem Festwagen mit und verkörperte dort einen Lehrmeister der alten Schule. „Dieses Bild vergisst man einfach nicht“, erzählt Keller. Nach dem Festzug wurde das historische Klassenzimmer in einem Nebenraum der Bürgerhausschule aufgebaut. Als die Schule diesen Raum selbst brauchte, zogen die Exponate ins Museum um.

Das Klassenzimmer weckt bei vielen Besuchern Kindheitserinnerungen. „Da kommen ältere Leute und erzählen, was sie in der Schule erlebt haben“, sagt Keller: „Die Schulzeit ist doch ein prägender Teil des Lebens.“ Besser als jedes Geschichtsbuch berichtet dieser Raum von einer Zeit, in der die Kinder in knarrenden Schulbänken saßen und in der man am Stickrahmen lernte, die Kleidung zu stopfen. Oft melden sich Klassen an: Inmitten von Lederranzen, Bänken und Schreibfedern können Kinder nachempfinden, wie ihre Eltern oder Großeltern Schule erlebt haben.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare