51-Jähriger soll Nachbarn attackiert haben

Prozess gegen Rodgauer: „Bin ich wirklich so schlimm?“

Jügesheim -  Der Prozess vor dem Schöffengericht in Offenbach gegen einen Rodgauer, der einen Geschäftsinhaber und seine Nachbarn attackiert haben soll, gestaltet sich schwierig. Trotz Zeugenaussagen weist der 51-Jährige alle Vorwürfe zurück.

Der forensische Gutachter hält ihn für schuldfähig. Das Urteil soll bald fallen. Zum ersten Termin war der Angeklagte im Anzug erschienen. Heute fragt ihn Richter Manfred Beck, was die Warnweste bedeute. Der Angeklagte erklärt, die hänge mit seinem Nachbarn zusammen, der als Zeuge geladen sei. Der verhalte sich stets aggressiv. Die Weste solle ihn abschrecken. Später wird Beck den Gutachter Dr. Volker Hofstetter fragen, wie er das Tragen der Weste interpretiere. Den Mediziner wundert das nicht, „äußerlich seine Meinung zu demonstrieren, das passt zu seiner Persönlichkeit“.

Der Geschäftsinhaber aus der Rodgau-Passage sagt aus, den der Angeklagte im August 2015 bedroht haben soll. Der Zeuge erklärt, der Angeklagte habe „einen Schlagstock oder ein Werkzeug“ in der Hand gehalten und gerufen, „ich bringe dich um“. Verteidiger Mario Galvano fragt, ob er wirklich etwas wie einen Schlagstock gesehen habe, „könnte es auch zusammengeknüllte Pappe gewesen ein?“ Der Mann verneint, auch wenn er den Gegenstand nicht genau habe erkennen können, „ich hatte Angst und rannte weg“.

Im März 2015 habe der Angeklagte bereits seine Wohnung verwüstet, die ihm dessen Mutter vermietet hatte. Die Vermieterin habe ihn davon telefonisch in Kenntnis gesetzt und zugesagt, sämtliche Schäden zu übernehmen. Die hätten sich am Ende, samt Hotelrechnungen, „auf rund 15.000 Euro“ summiert, die er auch erhalten habe. Am gleichen März-Abend hätte der Angeklagte noch ein Werbeschild vor seinem Geschäft samt der Scheibe zerstört. Ein Zeuge konnte den Täter so gut beschreiben, dass die Polizei auf den Angeklagten kam, den sie wegen Fremdgefährdung in die Psychiatrie brachte.

Die Frau des Angeklagten erklärt auf Nachfrage des Staatsanwalts, aus dem Stegreif könne sie nicht sagen, wie oft ihr Mann in der Psychiatrie gewesen sei. Richter interessiert, wie der Streit mit den Nachbarn angefangen habe. Die Zeugin erzählt, der Nachbar sei einmal über die Terrasse in dreckigen Schuhen in ihrem Wohnzimmer erschienen, „da war ich sauer“. Die Nachbarn hätten eine Kamera auf ihr Grundstück gerichtet. Sie meide es deshalb, die eigene Terrasse und den Garten zu benutzen. Mit ihrem Mann habe es nach der Geburt des Sohnes „Missverständnisse“ gegeben, weshalb ihr Gatte die gemeinsame Wohnung vorübergehend nicht mehr betreten durfte.

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Das Nachbarehepaar, das in einem Zivilprozess schon einmal 10000 Euro für Zerstörungen durch den Angeklagten zugesprochen bekam, beschreibt den 51-Jährigen als latent aggressiv. Er habe den Mann schon geohrfeigt und der Frau die Kappe vom Kopf geschlagen. Der Angeklagte lasse keine Gelegenheit aus, verbal zu bedrohen, „ich erschieße euch, ich schlag dich zusammen“, stets von Beleidigungen „in fäkalem und sexistischen Vokabular“ begleitet. Die Kamera beobachte nur das eigene Grundstück.

Gutachter Dr. Volker Hofstetter erklärt, der Angeklagte habe bei einem Gespräch bereitwillig mitgearbeitet. Der Psychiater diagnostiziert „eine paranoide Persönlichkeitsstörung“. Charakteristisch sei etwa „ein streitsüchtiges Beharren“, stets im Tenor von, „ich werde von anderen bekämpft, weil ich besser bin“. Der Angeklagte empfinde ständig Groll. Das Verhalten einer solchen Persönlichkeit könne eskalieren, „bis hin zum Tötungsdelikt“.

Eine Schuldunfähigkeit sehe er nicht, „er wusste, was er tut“. Das ergebe sich schon aus dem Hinweis, dass er einen Anwalt vor dem Angriff auf den Geschäftsinhaber fragte, was er an Haft zu erwarten habe, wenn er ihm den Schädel einschlage. Der Angeklagte hört sich den Vortrag konzentriert und gefasst an. Anschließend fragt er: „Bin ich wirklich so schlimm?“

Für den nächsten Prozesstermin kündigt Rechtsanwalt Mario Galvano eine Erklärung an. Die Verfahrensbeteiligten erwarten ein Urteil. (man)

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © dpa-avis

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