Verbrechensopfer im Papierdschungel

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Ein Gewaltverbrecher zertrümmerte ihm Arm und Schulter: Erst nach vier Jahren erhielt Hans-Jürgen Grebe eine finanzielle Entschädigung. Mit einem Buch will er Verbrechensopfern Gehör verschaffen.

Jügesheim (pep) - „Täter haben es besser“: Mit dieser provokanten, aber ausführlich begründeten These weist Hans-Jürgen Grebe auf die Missstände hin, die seiner Ansicht nach im Papierdschungel des Opferentschädigungsgesetzes der Europäischen Union herrschen.

Seit einem Raubüberfall im Juni 2007 ist Grebe behindert. Doch er ist nicht nur Opfer eines Gewaltverbrechens, sondern sieht sich auch als Opfer der Bürokratie. Seine frustrierenden Erfahrungen der letzten vier Jahre hat er in dem Büchlein „Der Raubüberfall“ niedergeschrieben. Mit Ironie und Sarkasmus schildert er darin den bürokratischen Hürdenlauf, der ihm eine Mini-Rente von 60 Euro pro Monat brachte. Mit der Veröffentlichung seiner Leidensgeschichte will er dazu beitragen, Opfern Gehör zu verschaffen.

Zusammen mit Ehefrau Birgit machte Hans-Jürgen Grebe 2007 in Südfrankreich einen Zwischenstopp in einem Hotel. Vor der Weiterfahrt nach Spanien waren die beiden auf dem Weg zum Frühstück, als sie noch einmal kurz an ihr Auto gingen. „Warum muss der da drüben denn seinen Motor laufen lassen?“, dachte Hans-Jürgen Grebe noch. Plötzlich spürte er einen unbeschreiblichen Schmerz und sackte zusammen. Geld, Papiere, alles wurde ihm gestohlen.

An Urlaub nicht mehr zu denken

Mit einem zertrümmerten Arm und einer kaputten Schulter war an Urlaub nicht mehr zu denken. Stattdessen ging es ins Krankenhaus, wo er noch am selben Tag operiert wurde.

Um nicht zuhause Treppen steigen zu müssen, blieben die beiden wie geplant für ein paar Wochen in Spanien. An das dortige Gesundheitssystem hat Grebe jedoch keine guten Erinnerungen: lange Warteschlangen und unerträgliche Hitze. Zurück in Deutschland wurde er noch einmal operiert, dann musste er in eine Reha-Klinik.

Opferentschädigungsgesetz der EU

Nach Kontakt mit dem Weißen Ring erfuhr er, dass nach dem Opferentschädigungsgesetz der EU eine Entschädigung möglich sei. Schnell und unbürokratisch sollte das Ganze ablaufen, so stehe es sogar im Gesetz. Es reiche aus, den Antrag an ein deutsches Ministerium zu schicken. Um Übersetzung, Weiterleitung und alles andere brauche man sich als Opfer nicht zu kümmern. Man müsse weder die Landessprache sprechen noch einen Anwalt bemühen. Innerhalb von zwei Monaten bekomme man eine Entschädigungssumme angeboten.

„Die Realität sieht ganz anders aus“, beklagt Grebe. Er blättert in mehreren Aktenordnern, die seinen Kampf der letzten vier Jahre dokumentieren. Nachdem er seinen Antrag an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Bonn gestellt hatte, war die Sache eben noch nicht erledigt. In den folgenden Jahren fühlte sich Grebe wie „gefangen in einem Hamsterrad“.

„Wenn Sie eine Entschädigung haben wollen, müssen Sie einen Antrag stellen“, bekam er auf Nachfrage zu hören. Darauf, dass der Antrag längst in Bonn lag, wurde nicht reagiert. Also reichte Hans-Jürgen Grebe weitere Anträge ein. „Es ist einfach nichts passiert. Ich wollte mehrfach aufgeben“, erzählt er. Doch mit Unterstützung seiner Frau machte er weiter. „Ich als Opfer muss um jeden kleinen Schritt kämpfen“, klagt Grebe, „Ein Täter bekommt einen Anwalt und einen Dolmetscher gestellt, ich nicht.“

„Wir sind dafür da, Ihnen zu helfen“

Um diese Ohnmacht zu verarbeiten, schildert er in seinem Buch das erste Kapitel aus der Sicht des Täters und das zweite aus der Sicht eines Gerichtsbeamten, der alles versucht um Anträge abzuwehren. „Das ist zwar alles nur fiktiv, aber genauso habe ich das empfunden“, sagt Grebe. Regelrecht verhöhnt habe er sich gefühlt, als er einen Schriftzug auf dem französischen Briefpapier mit seinem Schulfranzösisch übersetzte: „Wir sind dafür da, Ihnen zu helfen.“

Endlich wieder Bewegung kam in die Angelegenheit, als er in seiner Wut einen Brief an den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy schrieb. Obwohl er ihn nur auf Deutsch verfasst hatte, bekam er binnen weniger Tage eine Antwort des Präsidentenbüros - ebenfalls auf Deutsch. Das war allerdings eine absolute Ausnahme. Ohne seine Sprachkenntnisse aus der Schule hätte er überhaupt keine Chance gehabt, sagt Hans-Jürgen Grebe.

Mit jedem neuen Antrag stiegen die Anforderungen. Grebe sollte Fragebögen auf Französisch ausfüllen, Kopien anfertigen, Aussagen und Atteste übersetzen lassen. Schließlich wurde er sogar nach Straßburg zum Amtsarzt beordert, natürlich auf eigene Kosten. „Die wollen überhaupt nicht zahlen und bauen dafür nur Hürden auf“, äußert sich der Jügesheimer enttäuscht.

Eine monatliche Rente von 60 Euro

„Erschreckend spannend“, so lauten die ersten Rückmeldungen auf das Buch, das Hans-Jürgen Grebe selbst finanziert hat. Ein Teil des Erlöses fließt in die Arbeit des Weißen Rings. Das Titelbild zeigt den Eingang des Hotels, vor dem der Überfall damals verübt wurde. „Dort wo der Betrachter auf dem Foto steht, da habe ich gestanden“, erklärt der Autor.

Nachdem er schließlich doch einen französischen Anwalt einschalten musste, hat Hans-Jürgen Grebe nach fast vier Jahren eine Entschädigung bekommen. Wenn er das Anwaltshonorar sowie Porto- und Fahrkosten abzieht, bleibt ihm eine monatliche Rente von 60 Euro. Doch allein die Reha-Behandlung für den Erhalt der Funktionsfähigkeit seiner rechten Schulter kostet 100 Euro im Monat. Dazu kommt der Zeitaufwand, den niemand ersetzen kann. „Das ist eine Schieflage, so kann das doch nun wirklich nicht gemeint sein“, schimpft Grebe, bevor er noch etwas Unglaubliches preisgibt: „In Griechenland werden von Opfern sogar 100 Euro gefordert, um ein solches Verfahren überhaupt in Gang zu bringen.“

Quelle: op-online.de

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