Sanierung erfordert langen Atem

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Projektleiter Dieter Riemann von der Altlastensanierung der HIM GmbH erläutert Anwohnern die Funktion der Anlage, die in den nächsten 15 Jahren das schädliche Trichlorethen aus dem Grundwasser filtern soll. 

Weiskirchen -  Am nördlichen Ortsrand von Weiskirchen läuft eine groß angelegte Reinigung des Grundwassers. Von Ekkehard Wolf

Die Metallwarenfabrik an der Ecke Hauptstraße/Brückenstraße ist längst Geschichte, doch die Spätfolgen belastenUmwelt und Steuerzahler noch auf Jahre hinaus. Das Herzstück der Sanierung steckt in einer unscheinbaren, weißen Fertiggarage an der Brückenstraße. Tanks, Rohre, Pumpen, Filter: Der kleine Bau ist voll mit Technik. 6 500 Liter Wasser pro Stunde werden aus dem Boden gepumpt, gereinigt und in die Rodau abgeleitet. Ein Computer überwacht die Anlage und übermittelt Messwerte. Sobald etwas nicht stimmt, schlägt er Alarm.

Die Metallwarenfabrik der Firma Adam Henkel & Söhne hatte etwa 40 Jahre hinter sich, als sie 1995 ihren Betrieb einstellte. Die Arbeiter hatten unter anderem Trinkgefäße aus Metall hergestellt. Um die Teile fettfrei zu machen, wurde das Lösemittel Trichlorethen verwendet.

Wie das Mittel in den Boden gelangte, ist nicht klar. Tatsache ist, das bei der Stilllegung des Betriebs hohe Belastungen mit leichtflüchtigen halogenierten Kohlenwasserstoffen (LHKW) festgestellt wurden: im Boden, in der Bodenluft und im Grundwasser.

Die Öffentlichkeit war zu dieser Zeit für das Problem sensibilisiert. „Gift im Grundwasser“ war nicht nur ein Thema für Fachbehörden und Umweltaktivisten.

Systematische Suche nach Altlasten

1985 waren erstmals Tri- und Tetrachlorethen im Grundwasser nachgewiesen worden: Ein Dudenhöfer Bürger beantragte damals den Anschluss an die öffentliche Wasserversorgung, weil sein eigener Brunnen belastet war. In den 80-er und 90-er Jahren zeigten sich weitere Belastungen in Nieder-Roden, Dudenhofen und Jügesheim. Das Regierungspräsidium (RP) Darmstadt suchte systematisch nach Altlasten.

Bis zu wirksamen Gegenmaßnahmen in Weiskirchen sollte es noch Jahre dauern. Eine Bodenluftsanierung war 1996 nach zwei Monaten schon wieder zu Ende. Die Grundwassersanierung auf dem Werksgelände beschränkte sich 1999 zunächst auf fünf Monate. Im gleichen Jahr wurde die alte Fabrik abgerissen.

Jetzt befindet sich dort das Wohngebiet August-Schärttner-Weg. „Belastungen der Grundstücke, die sich auf die Wohnnutzung auswirken könnten, liegen nicht vor“, beruhigt das Regierungspräsidium.

Wasser in zehn bis 15 Jahren wieder sauber, so das Ziel

„In der Bodenluft ist keine Belastung mehr nachweisbar. In fünf bis acht Metern Tiefe befinden sich LHKW in geringer Konzentration“, berichtet Tilman Lange vom RP. Die Schadstoffe wurden vom Regen ausgewaschen und breiten sich seither im Grundwasser aus. Die so genannte Schadstofffahne erstreckt sich mehr als 300 Meter in Richtung Nord-Nordwesten bis zur Autobahn und darüber hinaus. Ihre Erkundung ist noch nicht abgeschlossen.

Trichlorethen ist ein starkes Lösemittel. Die farblose Flüssigkeit riecht nach Chloroform und ist giftig. Sie erzeugt Krebs und schädigt die Keimzellen.

Bis zu 6 000 Mikrogramm leichtflüchtige halogenierte Kohlenwasserstoffe (LHKW) pro Liter Grundwasser wurden 1995 beim ehemaligen Betriebsgelände der Metallwarenfabrik in Weiskirchen festgestellt.

Der Grenzwert beträgt 10 µg/l. J 26 Altstandorte in Rodgau wurden laut Regierungspräsidium in den 80-er und 90-er Jahren ermittelt. Fünf Grundwassersanierungen aus dieser Zeit sind noch in Betrieb.

Die Anlage an der Brückenstraße reinigt stündlich 6,5 Kubikmeter Grundwasser. Sie muss voraussichtlich zehn bis 15 Jahre laufen.

Die Kosten: 220 000 Euro in diesem und 147 000 Euro im nächsten Jahr, danach jährlich 98 000 Euro. Bisher hat das Land dort 450 000 Euro ausgegeben.

Seit Ende 2008 läuft die Sanierung auf Kosten der Steuerzahler. Bis dahin hatte der ehemalige Inhaber der Metallfabrik fast acht Jahre lang eine Aufbereitungsanlage betrieben, dann ging ihm das Geld aus. Obwohl in diesem Zeitraum 740 Kilogramm Lösemittel aus dem Grundwasser entfernt wurden, lagen die Messwerte immer noch viel zu hoch: „Keine wesentliche Verbesserung“, so Tilman Lange.

Die Firma HIM-ASG als Träger der Altlastensanierung des Landes Hessen saniert nun in größerem Maßstab. Aus drei Brunnen wird das belastete Grundwasser über ein unterirdisches Rohrleitungssystem zur Brückenstraße gepumpt. In der Fertiggarage rieselt das Wasser durch zwei so genannte Stripper, in denen die Lösemittel als Gas ausgeblasen werden. Die belastete Luft wird anschließend mit Aktivkohle gereinigt. Auch das Grundwasser läuft noch über zwei Aktivkohlefilter, um auch die letzten Schadstoffe zu entfernen. „Wir wollen in den nächsten zehn bis 15 Jahren das Grundwasser wieder sauber bekommen“, kündigt Tilman Lange vom Regierungspräsidium an. Dann wird die Sanierung zwischen 1,8 und 2,3 Millionen Euro gekostet haben. „Diese Altlast wurde im Zeitraum einer Generation geschaffen und es sieht so aus, als bräuchten wir auch den Zeitraum einer Generation, um sie wieder loszuwerden“, meint Stadtrat Michael Schüßler. Nicht nur Unternehmen seien in früheren Jahrzehnten sorglos mit Schadstoffen umgegangen: „Da waren die Kommunen im Rahmen der Abfallentsorgung ebenso beteiligt. Der Wallersee liegt nur zwei Kilometer weiter südlich.“ Eine Erkenntnis, so Schüßler, könne man aus den Altlasten und ihrer langwierigen Sanierung gewinnen: „Wir haben gelernt, dass das, was wie heute tun, nicht nur heute und morgen wirkt.“

Quelle: op-online.de

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