Heidemarie Eisert besucht erstmals das Grab ihres im Krieg in Russland gefallenen Vaters

Reise in die bedrückende Vergangenheit

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Familie Eisert hütet die Bilder, Briefe und Postkarten wie einen Schatz.

Eine bewegende, ja, sogar emotional aufwühlende Reise, hat Familie Eisert vor sich. Anfang Juni fliegen Heidemarie (77) und Christian Eisert (76) und ihre Tochter Anke nach Moskau.

Dudenhofen – Dann wird Heidemarie Eisert auf einem Soldatenfriedhof erstmals am Grab ihres Vaters Alois Collet stehen. Sie hat ihn nie kennengelernt. Als er im Zweiten Weltkrieg auf dem Marsch nach Stalingrad fiel, war Heidemarie Eisert nicht einmal ein Jahr alt. Alois Collet stammte aus dem Alten Weg in Jügesheim. Er war Schneider. So wie seine Eltern auch. Bei der TGS galt er als einer der talentiertesten Turner. Ein vergilbtes Familienfoto zeigt ihn, wie er auf einem Brückengeländer an der Rodau wagemutig einen Handstand macht. Auf einem anderen Bild ist er zusammen mit zwei Turnkameraden in noch luftigerer Höhe zu sehen. Die drei sind ihrem Verein aufs Dach gestiegen und geben dort oben – gekleidet in strammen Turndress – eine sportliche Figur ab.

Dem jungen Mann stand ein gutes Leben bevor, als ihn der Krieg holte. Als Richtschütze am Maschinengewehr musste er an die Ostfront. Dort wurde er zusammen mit der 4. Kompanie (Infanterieersatzbatallion 57) im September 1942 auf dem Weg nach Stalingrad in schwere Kämpfe verwickelt, die er nicht überlebte.  Gerade 33 Jahre alt geworden, fiel er durch einen Kopfschuss.

Sein Kompanieführer, Oberstleutnant Mittelmann, schrieb in einem Kondolenzbrief an die Witwe Ida Katharina (Käthe) Collet nach Dudenhofen: „Bei den Abwehrkämpfen gegen den Bolschewismus fiel am 7. September früh 3.30 Uhr im Wald ostwärts Pogast Ihr Ehemann, der Obergefreite Alois Collet, in soldatischer Pflichterfüllung, getreu seinem Fahneneide für das Vaterland, durch Kopfschuss.“

Handstand auf dem Brückengeländer.

Die Todesnachricht erreichte Käthchen Collet erst im Oktober. Zuvor hatte sie ihrem Mann noch mehrere Briefe geschickt. Sie kamen ungeöffnet zurück nach Dudenhofen mit dem Vermerk: „Gefallen für Großdeutschland.“ Heidemarie Eisert, die Tochter von Alois und Käthchen Collet, war damals noch nicht einmal ein Jahr alt.

Familie Eisert hütet die Briefe, einen Wehrpass, zahlreiche Fotos und andere Erinnerungen an Alois Collet wie einen Schatz. Diese Verbundenheit war es auch, die Tochter Anke 2015 veranlasste, Nachforschungen nach dem Grab des Gefallenen anzustellen. Beigesetzt worden war der Soldat zusammen mit Tausenden Kameraden 1942 auf einem Friedhof an der Kirche von Ljudinowo. Das hatte ebenfalls im Kondolenzbrief von 1942 gestanden. Und Kameraden schickten damals Fotos vom Grab.

Im Zweiten Weltkrieg war die Stadt am 4. Oktober 1941 von der Wehrmacht besetzt worden. Am 9. Januar 1942 eroberte die Rote Armee die Stadt vorübergehend zurück, die am 17. Januar 1942 erneut in deutsche Hände fiel. Am 9. September 1943 erfolgte die endgültige Einnahme durch die Sowjetarmee.

Alois Collet in seiner Wehrmachtsuniform.

Anke Eisert wandte sich an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Dort erfuhr sie, dass im Zuge der Umbettung der Gebeine deutscher Gefallener zur Kriegsgräberstätte Duchowschtschina nahe Smolensk auch in Ljudinowo 478 deutsche Kriegstote aus oberirdisch nicht mehr erkennbaren Grabanlagen in der Innenstadt geborgen worden waren. Bei den Exhumierungen war die Erkennungsmarke von Alois Collet zwar nicht gefunden worden. Trotzdem ist davon auszugehen, dass sein Leichnam unter den dort gesicherten sterblichen Überresten war. Familie Eisert hat eine Grabplatte anfertigen lassen. Auf dem Ehrenfriedhof in Duchowschtschina, auf dem inzwischen mehr als 60 000 deutsche Kriegstote ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, wird sie an Alois Collet erinnern. Bei der Reise Anfang Juni wird seine Familie dort erstmals persönlich am Grab seiner gedenken. Dann wird das Leitwort des Volksbunds erlebbar: „Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden.“

VON BERNHARD PELKA

Quelle: op-online.de

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