Ansichtskarten erzählen Geschichten

Rodgauer zeigt seine Postkartensammlung

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Albert Walter blättert gerne in seinen Postkartenalben. Ein ganzes Zimmer ist voll davon. Das aktive Sammeln hat der 84-Jährige allerdings aufgegeben.

Dudenhofen -  Postkartensammler erfreuen sich nicht nur an bunten Bildchen. Ein Beispiel dafür ist Simon Albert Walter (84) aus Dudenhofen. Er erzählt von der Zeit der Postkutschen, die noch bis ins frühe 20. Jahrhundert zum Alltag gehörten. Von Ekkehard Wolf 

Gasthaus „Zur Post“? Das war sicher mal eine Haltestelle der Postkutsche, wie Albert Walter sagt. Zu seiner Sammlung gehören nicht nur Postkarten, sondern auch Paketscheine, Fahrpläne, Tariftabellen und amtliche Bekanntmachungen. Allein der Brief- und Pakettarif im Großherzogtum Hessen (1806 bis 1919) bestand aus drei Doppelseiten voller Tabellen. Das Porto wurde aus Entfernung, Gewicht und Größe berechnet. Ein Brief von Ober-Roden nach Frankfurt war teurer als einer nach Offenbach.

So wurde 1845 ein „Personenpostcours“ von Frankfurt nach Rödelheim eingerichtet. Diese Linie verkehrte dreimal am Tag und beförderte neben Reisenden auch Briefe und Frachtsendungen. Feste Haltestellen gab es offenbar nicht. Auch unterwegs konnten „unverdächtige Personen“ zusteigen, wie die Großherzoglich Hessische Ober-Post-Inspektion bekannt gab.

Gruß aus Dudenhofen: Diese Lithografie-Ansichtskarte wurde am 27. Mai 1898 von Dudenhofen nach Darmstadt geschickt, wie der Stempel verrät

Die amtlichen Bekanntmachungen jener Zeit sind eine Fundgrube für historisch Interessierte. Wer mit der Postkutsche reiste, hatte 40 Pfund Gepäck frei, musste aber den Packer oder Wagenmeister bezahlen. Die Postillons der Eilwagen hatten keinen Anspruch auf Trinkgeld, „da ihnen dieses aus der Postkasse bezahlt wird“. Für manche Strecken wurde eine Maut fällig, die man damals „Chausseegeld“ nannte. Nieder-Roden gehörte zu den Orten, die für die Durchfahrt kassierten.

Es gab sogar eine Verordnung über das „Schmiergeld“ – aber nicht, was man heute darunter versteht, sondern der Lohn für das Schmieren der Postwagen. Wenn ein Wagenmeister dafür mehr als zwölf Kreuzer forderte, musste er das Schmiergeld zurückgeben und einen Gulden Strafe zahlen, wie die Ober-Post-Inspektion 1821 „auf höchsten Auftrag“ verfügte.

Eine Fahrpostverbindung gab es auch zwischen Dudenhofen und Seligenstadt, aber nur bis 1896. In den letzten 16 Jahren wurde sie von Michael Heberer betrieben, der im Ort als „Posthäwwerer“ bekannt war. Er beförderte Briefe, Gepäck und Personen. Die Fahrt nach Seligenstadt kostete zwei Kreuzer. Heberers Pferdelinie nach Seligenstadt wurde eingestellt, als die erste Eisenbahn von Reinheim über Dudenhofen nach Offenbach fuhr.

Die Reise mit der Postkutsche war aus heutiger Sicht langsam. Für die Strecke von Seligenstadt nach Bürgel brauchte die Kutsche sieben Stunden, wie ein Fahrplan aus dem Jahr 1903 belegt. Schneller war das Fuhrwerk, das ab 1879 dreimal täglich zwischen Babenhausen und Seligenstadt verkehrte: elf Kilometer in einer Stunde und zehn Minuten. Dieses Angebot ist ein frühes Beispiel der Privatisierung. Die Post stellte ihre Personenpostlinie ein und der Wirt des Gasthauses „Zur Rose“ aus Babenhausen, Friedrich Rühl, schickte sein Fuhrwerk auf die Reise – mit dem Segen des kaiserlichen Postamts, versteht sich.

Einen Brief von A nach B zu befördern, war früher eine mühsame Angelegenheit. Die Postkutschen verbanden in einer Art Linienverkehr nur die großen Städte. Noch in den 1830er Jahren gab es Fußboten im Odenwald, die mehrmals pro Woche von den Dörfern in die nächste Kreisstadt liefen. Ein Fußboten namens Schuchardt hatte eine Route von Michelstadt über Groß-Umstadt und Ober-Roden bis nach Offenbach und Frankfurt.

Begrenzte Möglichkeiten machen erfinderisch. In manchen Landstrichen wurden zeitweise sogar Metzger für die Post eingespannt. Wenn sie aufs Land fuhren, um Vieh einzukaufen, nahmen sie Briefe und Päckchen mit.

Nachdem die Eisenbahn ihren Betrieb aufgenommen hatte, war die Post auf kurzen Strecken schneller als heute. Das kann der Sammler anhand von Stempeln belegen. Es gab eine Zeit, in der jeder Brief zweimal mit Datum und Uhrzeit abgestempelt wurde. Der Abgangs- und der Eingangsstempel lagen manchmal wenige Stunden auseinander, etwa zwischen Dudenhofen und Hainhausen.

Bilder: Rodgauer sammelt alte Postkarten

Albert Walter kann noch viele Details aus der Postgeschichte erzählen. Der 84-Jährige beschäftigt sich seit Jahrzehnten damit. Zuerst sammelte er Briefmarken, dann konzentrierte er sich auf Postkarten. Sein Spezialgebiet sind Litho-Karten, also Ansichtskarten, die im Steindruck hergestellt wurden.

Seine ersten Postscheine von Thurn und Taxis hatte Albert Walter auf einer Briefmarkenausstellung in Osthessen gesehen – und gleich gekauft. Und wie der Zufall so spielt: Auf einem Flohmarkt entdeckte er ein dickes Buch über die Geschichte der Post.

Das ehemalige Kinderzimmer seines Sohnes ist zum Sammlerzimmer voller Alben geworden. Wie viele Postkarten befinden sich darin? „Ich hab’ sie nie gezählt.“ Seit einigen Wochen besucht der 84-Jährige keine Ausstellungen und Tauschtage mehr. Es ist ihm beschwerlich geworden, die schweren Alben zu schleppen.

Der passionierte Sammler erfreut sich weiterhin an seiner Kollektion, auch wenn keine neuen Stücke mehr dazukommen. Sich von den Beständen zu trennen, kommt für ihn nicht in Frage. Zu groß sind die Enttäuschungen, die er schon erlebt hat. Einmal schenkte er einem Mitglied eines Heimatvereins außerhalb von Rodgau einige Postkarten fürs Heimatmuseum: „Drei Wochen später bekam ich dieselben Karten auf einem Tauschtag für viel Geld angeboten. Das Museum hat sie nie bekommen.“

Quelle: op-online.de

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