Skyline als Vorbild?

Forscher würdigen Chinamauer in Rodgau: Herausragende Siedlung ihrer Zeit

Dicht an dicht: Reihenhäuser an der Limburger Straße vor der Chinamauer. Ursprünglich sollten die Hochhäuser von einem Park umgeben sein.
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Dicht an dicht: Reihenhäuser an der Limburger Straße vor der Chinamauer. Ursprünglich sollten die Hochhäuser von einem Park umgeben sein.

Die Hochhäuser der Chinamauer in Rodgau werden erstmals in einem Architekturführer erwähnt: „Wohnen in der Nachkriegsmoderne“. Die Autoren sind Wissenschaftler aus Frankfurt. Sie würdigen die Chinamauer als eine von zehn herausragenden Siedlungen jener Zeit im Rhein-Main-Gebiet.

Nieder-Roden – Etwa 960 Wohnungen befinden sich in den sieben Hochhäusern an der Rodgau-Ringstraße. Das höchste Gebäude hat 16 Stockwerke. Die ganze Anlage ist rund 400 Meter lang.

Die Chinamauer in Rodgau-Nieder-Roden ist mehr als ein „Koloss im Dorf“

Als Koloss im Dorf wird die Hochhauszeile in einem Zwischentitel des Buchs bezeichnet. Doch die Chinamauer ist mehr als das. Die meisten Wohnungen haben versetzte Ebenen, sodass es nur alle zweieinhalb Etagen einen Hausflur gibt. In den Wohn- und Esszimmern an der Südseite reichen die Fenster bis zum Boden; Schiebetüren öffnen sich zu den Loggien. Während die Nordseite zur Rodgau-Ringstraße hin gerade und abweisend wirkt, ist die Südfassade aufgelockert: Einige Etagen ragen weiter heraus, andere sind zurückgesetzt. Besonders gut kann man das sehen, wenn man die Schmalseite des Hauses Wiesbadener Straße 2 betrachtet.

Chinamauer in Rodgau: Während der Bauzeit ging der Bauträger in Konkurs

Neun Jahre lang wurde an der Chinamauer gebaut, von 1971 bis 1980. Dazwischen drohten zwei der Wohnblocks zur Bauruine zu werden, nachdem der Bauträger in Konkurs gegangen war. Der Unternehmer Wolfgang Werner hatte mit seinem Siedlungswerk Nieder-Roden und der Baugilde Nord seit 1963 in großem Stil Grundstücke aufgekauft und Wohnsiedlungen gebaut. Die Einwohnerzahl der Gemeinde verdreifachte sich innerhalb von acht Jahren.

Nach dem Konkurs des Siedlungswerks baute eine Bauherrengemeinschaft die begonnenen Häuser zu Ende. Die hochfliegenden Pläne einer noch stärker verdichteten Bebauung wurden nicht weiter verfolgt. Ursprünglich sollte die Hochhauszeile sogar 600 Meter lang werden. Südlich davon war ein großer Park mit Gruppen weiterer Hochhäuser geplant, die sogenannte „Gartenstadt Rhein-Main“.

Die Chinamauer ist ein Kind einer Zeit des Wohnungsmangels, in der die Zeichen auf Wachstum standen. Der regionale Entwicklungsplan des Stadtplaners Wilhelm Wortmann für das Rhein-Main-Gebiet sah eine sogenannte Regionalstadt mit ausgeprägten Grünzügen vor. Für die Rodgau-Gemeinden ergab sich daraus eine Zielgröße von 130 .000 Einwohnern. Der Wortmann-Plan wurde in dieser Form nicht realisiert.

Skyline aus den 70er-Jahren: Die „Chinamauer“ prägt das Stadtbild des Rodgauer Stadtteils Nieder-Roden. Die Hochhauszeile ist kürzer als geplant: Sie sollte ursprünglich 600 Meter lang werden, gebaut wurden aber nur 400 Meter. 

Forscher stellen Rodgauer Siedlung in eine Reihe mit dem Sonnenring in Sachsenhausen

Jetzt, rund 50 Jahre später, würdigt eine Frankfurter Forschungsgruppe die Chinamauer als eine herausragende Siedlung ihrer Zeit in der Region. Gemeinde, Investor und Architekten hätten bemerkenswerten Mut bewiesen, schreibt Natalie Heger, ein Mitglied des Autorenteams. Die Leistung der Architekten Ottmar Weyland und Otfried Rau beschreibt sie so: „Die Chinamauer zeigt mit ihrer Kombination aus einem besonderen Erschließungskonzept, offenen Split-Level-Grundrissen mit großzügigen privaten Freibereichen und gemeinschaftlichen Innen- und Außenräumen, dass individuelles Wohnen in der Großform auf interessante Weise gelöst werden kann.“

Die Autoren des Buchs „Wohnen in der Nachkriegsmoderne“ stellen die Chinamauer Nieder-Roden in eine Reihe mit dem Sonnenring in Sachsenhausen, der Siedlung Hirschsprung in Dreieich und der Wohnstadt Limes in Schwalbach am Taunus. Die Forschungsgruppe „Ressource Nachkriegsmoderne – Baukultur und Siedlungsbau 1945 - 1975“ der Fachhochschule „Frankfurt University of Applied Sciences“ will dazu beitragen, aus den Erfahrungen zu lernen.

„Gerade weil heute wieder verstärkt diskutiert wird, komplette neue Stadtteile zu bauen, lohnt es sich, einen Blick zurück auf die letzte Periode zu werfen, in der dies in großem Maßstab geschah: die 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahre“, schreibt die Frankfurter Städtebau-Professorin Maren Harnack als Sprecherin der Forschungsgruppe. Im Gegensatz zum landläufigen Vorurteil seien diese Siedlungen weder monoton noch unpersönlich: „Hier wurde mit einem hohen gestalterischen und sozialen Anspruch gebaut, der für zukünftige Siedlungen in vieler Hinsicht Vorbildcharakter haben kann.“ (Von Ekkehard Wolf)

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