Sturm wirft Planung über den Haufen

Firma will Sturmholz aufarbeiten und verkaufen: Waldwirtschaftsplan 2020 stimmt nicht mehr

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Eine Schneise der Verwüstung zieht sich seit dem Sturm vom 18. August durch den Wald, wie hier östlich von Jügesheim. Zur Orientierung: Rechts am oberen Bildrand ist die Bundesstraße 45 zu erkennen. Ein Unternehmer hat der Stadt angeboten, das Sturmholz aus dem Wald zu holen und zu vermarkten. 

Wohin mit dem Sturmholz aus dem Stadtwald? Die Stadt Rodgau will die betroffenen Flächen an einen sogenannten Selbstwerber vergeben, der die zerstörten Bäume aus dem Wald holt und auf eigene Rechnung verkauft.

Rodgau –  Im Waldwirtschaftsplan für 2020 steht davon noch nichts. Er basiert auf Zahlen, die das Forstamt im Sommer ermittelt hatte. Der verheerende Sturm vom 18. August warf die Kalkulation über den Haufen. Innerhalb einer Viertelstunde wurden unzählige Bäume umgerissen. Das Ausmaß der Schäden lässt sich nur grob beziffern.

„Nach ersten Schätzungen gehe ich von einem Schadholzanfall von nicht unter 20 000 Festmetern für den Rodgauer Wald aus“, schreibt Michael Löber vom Forstamt Langen. Das ist etwa das Doppelte des üblichen Holzeinschlags für ein ganzes Jahr. „Die Beseitigung dieser Schäden (. . .) wird Aufgabe der nächsten Zeit sein, zumindest alle geplanten Holzerntemaßnahmen sind hinfällig geworden“, betont Löber.

Ohnehin ist mit Nadelholz derzeit kein Geschäft zu machen. Durch „eine Kombination aus Trockenheit, geschwächtem Holz und Windbruch“ sei der Holzmarkt in Deutschland sowie in Süd- und Südosteuropa zusammengebrochen, berichtet Bürgermeister Jürgen Hoffmann. Die Folge für Rodgau: Weil Holz praktisch unverkäuflich ist, lässt man die Bäume lieber stehen – wenn nicht gerade ein Sturm wütet. „Wir müssen das Holz verkaufen, sonst vergammelt es ja“, sagt der Bürgermeister. Aber wie will man den Erlös beziffern? „Es ist so, dass wir weder genau wissen, welche Holzmenge wir haben, noch welche Sorten“, so Hoffmann. Weder Aufwand noch Ertrag ließen sich einigermaßen abschätzen. Die Konsequenz: „Wir lassen den Waldwirtschaftsplan genauso, wie er ist, damit wir die Abweichung erkennen können.“

Am 9. Dezember wird sich zeigen, ob die Stadtverordneten dieser Linie folgen. Dann steht der Plan mit seinen völlig überholten Zahlen im Rathaus zur Debatte.

In dem Vierteljahr seit dem August-Sturm haben die städtischen Forstwirte die meisten Hauptwege freigeräumt. Große Waldgebiete sind aber immer noch gesperrt: in Jügesheim, Hainhausen und Weiskirchen.

Ein Unternehmen aus der Forstwirtschaft (Firma Marco Müller) hat der Stadt angeboten, die vom Sturm geknickten Bäume mit sogenannten Harvestern aus dem Wald zu holen und das Holz aufzuarbeiten. Das Unternehmen tritt als sogenannter Selbstwerber auf und will das Holz auf eigene Rechnung verkaufen. Dazu ist ein Vertrag mit dem Holzkontor Darmstadt-Dieburg-Offenbach erforderlich. 32 Städte und Gemeinden haben diese Anstalt des öffentlichen Rechts im Mai gegründet, um die Holzvermarktung zu organisieren. Allerdings ist die Anstalt noch nicht arbeitsfähig. „Das Holzkontor hat weder eine Führungs- noch eine Arbeitsstruktur“, sagt Bürgermeister Jürgen Hoffmann.

Wie viel Geld die Stadt von dem Selbstwerber zu erwarten hat, teilt der Magistrat in der Beratungsvorlage für die Stadtverordneten nicht mit.

Zur Wiederaufforstung will die Stadt eine halbe Million Euro einsetzen, die aus dem Waldumbau noch übrig sind. Das Geld ist dafür bestimmt, die Mischung der Baumarten im Wald zu ändern: mehr Laubbäume und weniger Nadelbäume. Bisher besteht der Stadtwald zu 85 Prozent aus Kiefern. Eichen machen acht, Buchen vier Prozent aus. Das Ziel der städtischen Forstwirtschaft ist ein artenreicher, gesunder und stabiler Mischwald.

VON EKKEHARD WOLF

Quelle: op-online.de

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