Baudenkmal in Rodgau

Unlösbarer Problemfall: Treibt Ruine ihren Besitzer in den Ruin? Was dahinter steckt

Das Fachwerkhaus ist inzwischen extrem löchrig und windschief. Es neigt sich zum Nachbarn. Eine Sanierung würde Heinz Hartmann finanziell ruinieren.
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Das Fachwerkhaus ist inzwischen extrem löchrig und windschief. Es neigt sich zum Nachbarn. Eine Sanierung würde Heinz Hartmann finanziell ruinieren.

Ein altes Fachwerkhaus verfällt zusehends, doch darf es nicht abgerissen werden - es steht nämlich unter Denkmalschutz.

Dudenhofen - „1979 Erstantrag Abriss. Noch immer abgelehnt. Begründung: Denkmalschutz!“ Wer an der Häuserzeile der Nieuwpoorter Straße entlang fährt oder anderweitig dort unterwegs ist, dem fällt das markante Kunststoff-Banner am Haus Nummer 114 sofort auf. In großen Buchstaben macht dort Hausbesitzer Heinz Hartmann auf sein Immobilienproblem aufmerksam: Das 1977 von seinen Eltern gekaufte Fachwerkhaus verfällt zusehends, doch abreißen darf er es nicht. Es steht unter Denkmalschutz. Hartmann ist verpflichtet, es zu erhalten – koste es, was es wolle.

Baudenkmal in Rodgau: Besitzer wehrt sich

Dagegen wehrt sich der 71-Jährige seit Jahren. Immer wieder stellt er bei der Kreisbauaufsicht Abrissanträge. Regelmäßig werden sie abgelehnt. Das bisher letzte Verfahren datiert vom vergangenen Juni. Darin bezieht sich die Kreisbauaufsicht auf Argumente des Landesamts für Denkmalpflege, das sich gegen einen Abbruch richtet: Bei dem Haus handele es sich um ein Kulturdenkmal. An dessen Erhalt bestehe aus geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen und wissenschaftlichen Gründen ein öffentliches Interesse.

Das Fachwerkhaus mit seinem charakteristischen und kaum veränderten Fachwerk sowie dem Fischgrätmuster im Obergeschoss sei ein wichtiges Beispiel der Rodgauer Architektur des 18. Jahrhunderts. Der pauschale Verweis von Heinz Hartmann auf unzumutbare Sanierungskosten reiche nicht aus zur Darlegung der wirtschaftlichen Unzumutbarkeit. Und der jahrzehntelange Leerstand sei für diese Frage irrelevant.

Ruine in Rodgau: Kreis Offenbach äußert sich zum Problemfall

Auch habe Hartmann bisher nicht konkret genug dargelegt, dass das Baudenkmal praktisch nicht zu verkaufen sei. Nur zu behaupten, dies erfolglos versucht zu haben, reiche nicht aus als Beweis für die gescheiterten Verkaufsbemühungen.

Notdürftig mit einem Brett verschlossenes Loch in der Fassade direkt neben einem Fenster.

Beim Kreis Offenbach hieß es gestern auf Anfrage, die Kreisbauaufsicht werde von dieser Meinung nicht abrücken. Dass es sich um ein schützens- und erhaltenswertes Baudenkmal handele, habe das Landesamt für Denkmalpflege erst kürzlich wieder bestätigt.

Baudenkmal in Rodgau: Ratlosigkeit bei Heinz Hartmann

Heinz Hartmann ist deshalb inzwischen relativ verzweifelt und ratlos. Im Grunde leidet er heute unter einer Entscheidung, die seine Eltern vor nun 43 Jahren und er später als Erbe unverschuldet falsch getroffen hatten. 1977 kauften seine Eltern das Gebäude von einer Familie aus Froschhausen. Damals stand es noch nicht unter Denkmalschutz. Dazu kam es erst im Juli 1980. Damals sollte es – so wie ein Nebengebäude zuvor – abgerissen werden. Dazu brauchte Familie Hartmann die Dienste des Stromversorgers. Der sollte die auf dem Dach befestigten Leitungen abbauen.

„Der Stromversorger fragte beim Kreis Offenbach nach, ob es mit dem Abriss seine Richtigkeit habe – und das Unglück nahm seinen Lauf“, erinnert sich Heinz Hartmann. Eigentlich hatten seine Eltern das Fachwerkhaus auf dem Nachbargrundstück gekauft, damit er dort bauen kann. Da der Denkmalschutz aber von Anfang an nicht mitspielte, zog der gelernte Elektroniker sein neues Haus schließlich in Dudenhofen in einer anderen Straße hoch.

Mit einem großen Banner macht Heinz Hartmann auf sein Immobilienproblem aufmerksam.

Der 71-Jährige sucht nun nach einer Lösung des Problems, weil er diese Sorge nicht seiner Tochter in dann dritter Generation hinterlassen möchte. „Sie soll nicht auch noch damit leben müssen. Ich würde das Haus sogar verschenken.“

Baudenkmal in Rodgau: Restaurierung scheint unmöglich

Eine Restaurierung scheint Heinz Hartmann unmöglich. Hat er das Gebäude in den zurückliegenden Jahrzehnten gut gesichert? „Schon. Aber ich habe nicht viel reingesteckt. Ich will es ja abreißen.“ Gleichwohl hatte Hartmann Architekten an der Hand wegen möglicher Maßnahmen, denn das Haus scheint abbruchreif: Balken des Fachwerks sind teils gebrochen oder aus den Halterungen gesprengt. Viele haben keinen Kontakt miteinander. Gefache sind herausgebrochen. Decken hängen durch. Erst im vergangenen Sommer ist eine ganze Hausecke in Bodennähe einfach auf die Straße gefallen. Ein schlichtes Brett verschließt das Loch. Die Durchgangshöhe innen beträgt nur 1,65 Meter. „Da passt heute keiner mehr durch.“ Was also tun? Selbst die Idee, die Liegenschaft zusammen mit der örtlichen Initiativgruppe „Rodgau erleben“ umzusiedeln auf ein Grundstück neben der Metzgerei Siegler schlug fehl. „Der Besitzer verkauft das Gelände nicht.“ Von Bernhard Pelka

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