Ende einer Ära

Nach 46 Jahren: Pfarrer Meissner geht in den Ruhestand

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Pfarrer Wendelin Meissner in der Kirche St. Nikolaus. In seiner Gemeinde ist er eine Hauptperson und doch am liebsten am Rand. Großes Getue rund um seine Person mag er nicht. Seine Verabschiedung ist am Freitag, 13. September, im Haus der Begegnung im Anschluss an die Abendmesse. Meissners Motto: „Bitte bloß keine langen Reden!“ 

46 Jahre war Wendelin Meissner Pfarrer der katholischen Gemeinden St. Nikolaus und St. Marien in Rodgau Jügesheim. Nun geht er in den Ruhestand.

Jügesheim – Mit Wendelin Meissner verlässt eine Institution die katholischen Gemeinden St. Nikolaus und St. Marien. Der Pfarrer geht zum 1. September in Ruhestand. Dann wird er den Jügesheimer und Dudenhöfer Katholiken 46 Jahre lang die Treue gehalten haben. 

Gewöhnlich begrenzt das Bistum Mainz die aktive Dienstzeit von Priestern auf das 75. Lebensjahr. „Drei Jahre haben sie mir noch gewährt. Die habe ich gerne gemacht“, sagt der 78-Jährige zufrieden.

Rodgau war vor Jahrzehnten nicht sein Wunschkandidat. Vielmehr wollte Meissner nach Stationen als Kaplan in Lorsch und Darmstadt in einem Team in die Jugendarbeit nach Düsseldorf gehen. Kardinal Volk aber hatte Jügesheim für ihn ausgesucht.

Rodgau: Meissner schrieb Bischof in einer Art trotziger Begeisterung

In einer Art trotziger Begeisterung schrieb Meissner damals dem Bischof, natürlich werde er selbst „auf den letzten Misthaufen in der Diözese gehen“, sofern er nur Priester sein könne und Menschen antreffe, mit denen es eine Perspektive gebe. Offenbar war dies immer der Fall. Sonst wäre der gebürtige Offenbacher aus dem Stadtteil Bieber nicht so ungewöhnlich lange geblieben. Es gab im Bistum irgendwann einmal Bestrebungen, ihn nach Gießen zu versetzen. Das kam für den Geistlichen aber nicht in Frage. Er blieb im Pfarrhaus an der Vordergasse. Dort beendet er jetzt bald seine klerikale Karriere.

Bis eine Wohnung im Haus seines Bruders Ludwig an der Offenbacher Ostpreußenstraße renoviert ist, werden nach der offiziellen Verabschiedung noch ein paar Wochen vergehen. Dann kommt der Umzug. Danach wird das Pfarrhaus gründlich saniert für Pater John Peter Savarimuthu, der als Pfarradministrator Meissners Nachfolge antreten wird. „Eine Begehung hat schon stattgefunden. Jetzt folgt die Vergabe der Aufträge an Handwerker“, beschreibt Meissner den zeitlichen Ablauf des Projekts.

Seinen Lebensweg teilt er mit einer ganzen Generation. Am 10. Juli 1941 mitten in die Kriegswirren hineingeboren, verlor er schon knapp zwei Jahre später den Vater, „den ich nie kennengelernt habe“. Er fiel als Sanitäter auf der Krim.

Meissner: Als Kind kam er in eine "Trümmerlandschaft" zurück

Die Familie aus zwei Brüdern, Schwester, Mutter und Oma zog von Offenbach nach Hobbach in Unterfranken, um 1949 „in eine Trümmerlandschaft“ zurückzukehren. An der Ostpreußenstraße entstand aus diesen Trümmern in viel Eigenarbeit das Elternhaus. „Dort kenne ich jeden Stein.“

Eigentlich wollte Wendelin Meissner höchstens Realschulabschluss machen, um Schreiner zu werden. Es kam ganz anders. Es waren wohl die Glaubenskraft und Stärke seiner Mutter, die in ihm den Entschluss reifen ließen, Pfarrer zu werden. „Und die Biografie meines Vaters hat mich beeinflusst. Er war im Widerstand gegen Hitler, wurde denunziert und saß im Gefängnis bei Wasser und Brot.“ Der Pfarrerberuf hat den überzeugten Gottesmann immer ausgefüllt. „Ich würde es wieder so machen. Der Herrgott hat’s gut gemeint mit mir.“

Bitte bloß keine langen Reden!

Der Priester lernte kennen, dass die Erwartungen der Kirche oft nicht wie das richtige Leben verlaufen. „Eine Ehe, zum Beispiel, kann durchaus schief gehen“, sagt der baldige Ruheständler. In der Begegnung mit Menschen sei ihm deshalb umso wichtiger, den Umgang mit Schuld und Scheitern zu ermöglichen. „Es nützt nichts, den Leuten dauernd das Versagen vorzuhalten. Wichtiger ist es, Brücken zu bauen.“

Große Bedeutung hat stets auch die soziale Frage. Projekte wie das Haus der Begegnung, der Neubau des Kindergartens, des Martin Luther King Hauses, die Renovierung der beiden Kirchen und der Bau der Häuser Emmanuel mit Behindertenwohnungen zeugen davon. Die Mitarbeiter aus der Mainzer Diözesanverwaltung arbeiten gerne mit Wendelin Meissner und seiner Mannschaft zusammen. Sie freuen sich über die frohen Botschaften aus der Jügesheimer Vordergasse.

Pfarrer schlägt Brücke zur Gegenwart

Das liegt auch daran, dass es Wendelin Meissner gelungen ist, Neugierde aufs Ehrenamt zu wecken. Mehr als 600 Ehrenamtler greifen zu, wenn es nötig ist. Das gilt nicht nur für die Zeit, die gespendet wird, sondern auch für eine Vielzahl von Sachleistungen, die den beiden Gemeinden überlassen werden. Nicht zuletzt hat der Pfarrer dafür gesorgt, dass eine neue, großzügige Spendenkultur wachsen konnte. „Das Hospiz jetzt gehört dazu“, schlägt er die Brücke in die Gegenwart. Davon profitiert bis heute der Verein Gemeinsam mit Behinderten, den der Pfarrer mit sieben Mitstreitern 1980 gegründet hat und damit auch den 24-Stunden-Lauf auf den Weg brachte.

Die Behinderten sollten nicht länger hinter verschlossenen Hoftoren versteckt werden. Gemeinsam mit Behinderten wird vorgelebt. Die Jügesheimer St. Nikolausgemeinde stellt dem Verein die Räume für die Geschäftsstelle bereit. Und vis a vis der Kirche stehen die Häuser Emmanuel, die nach dem Mainzer Bischof von Ketteler benannt sind, in denen heute Behinderte leben – betreut und doch selbstständig, mitten im Ort und mitten im Leben.

Wendelin Meissner wird nicht müde, seine Mitstreiter – hauptamtliche und ehrenamtliche – zu loben. „Wir haben hier ein wunderbares Team, ohne das alles nicht möglich gewesen wäre. Alle hier arbeiten oft bis über die Grenze hinaus“, formuliert er seine Dankbarkeit für so viel Unterstützung.

Was hat ihn in den vielen Jahren immer so fest im Glauben gemacht? „Ist man immer fest?“, antwortet er nachdenklich, um nachzuschieben: „Bestimmt auch die Begegnung mit Menschen, die einem im Glauben voraus sind.“ Seiner Gemeinde wünscht der Pfarrer für die Zukunft, dass sie „einen mutigen Weg weiter geht und sich nicht von Fehlentwicklungen anderer beeinflussen lässt.“ Dazu gehöre dann zuweilen auch, „Widerstand gegen die Kirchenleitung“. Und das vielleicht in einer Art trotziger Begeisterung.

Von Bernhard Pelka

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Quelle: op-online.de

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