Rodgau

Sollte Heimatkunde-Unterricht wieder eingeführt werden? 

Gesprächsrunde zum Thema Heimat im internationalen Lesecafé Rodgau. Foto: Karin Klemt

Was bedeutet Heimat? Eine Veranstaltung des internationalen Lesecafés beleuchtete diesen Begriff aus unterschiedlichen Blickwinkeln. 

Rodgau – Wer seinen Wohnort besser kennt, tut sich leichter mit der Integration. Davon ist zumindest Stefano Uslenghi überzeugt. Dringend empfiehlt der Jügesheimer mit italienischen Wurzeln, in den Schulen den Heimatkunde-Unterricht wieder einzuführen – nicht etwa nur für die Kinder von Migranten, sondern für alle. Wissen, meint er, schaffe Bezüge und helfe dabei, die Heimat zu finden.

Derart pragmatisch und lösungsorientiert wie Uslenghi, 60 Jahre alt und als Familienvater, Geschäftsmann und Schatzmeister beim JSK bestens integriert, definiert nicht jeder seinen persönlichen Heimatbegriff. Wie unterschiedlich Heimat wahrgenommen werden kann, wurde den rund 30 Gästen beim internationalen Lesecafé am Donnerstag schnell klar. Für Perspektiven-Vielfalt hatte Rolf Wenhardt als Ideengeber und Moderator mit der Auswahl der Gesprächspartner gesorgt. Neben Uslenghi hieß Vorsitzende Sieglinde Denk die Offenbacher Autorin Jutta Zeier, Rodgaus Ehrenbürger Paul Scherer und die Studentin Thamar Vainstain willkommen.

Alter und Herkunft prägen Verständnis für Heimat

Alter und Herkunft, das stand nach knapp zwei Gesprächsstunden fest, prägen das Verständnis von Heimat wesentlich. Für Paul Scherer (83) bezeichnet der Begriff ein Hier, an dem Erinnerungen hängen – für ihn speziell Weiskirchen, wo er aufwuchs, und Rodgau, wo er 18 Jahre Bürgermeister war. Für seine Frau das einstige Sudetenland, wo nur noch Trümmer an den Bauernhof ihrer Kindheit erinnern. In seiner beständig wachsenden Stadt und in 52 Jahren als Kreistagsabgeordneter hat Scherer, desen Familie im Ersten Weltkrieg aus dem Westerwald kam, oft gesehen, wie Heimat für neu Angekommene entsteht. „Wer sie hier gefunden hat, hat einen guten Weg gemacht“, sagt er.

Deutlich weiter fasst Stefano Uslenghi seinen Heimatbegriff. In Mailand geboren und mit einer deutschen Mutter war er von Anbeginn in zwei Nationen daheim und sieht sich nach eigenen Worten zuerst als Europäer. Die Spuren seiner Vorfahren väterlicherseits hat er ebenfalls nach Deutschland in die Gegend von Stuttgart zurückverfolgt. Besonders wohlgefühlt hat er sich in Rom und dort auch seine spätere Frau getroffen. „Auch dort ist Heimat“, meint er, ebenso wie in Mailand, Jügesheim und Nieder-Roden – überall, wo er gern lebe und Freunde habe. Diese Sicht bewahre geistige Freiheit und schütze vor „Campanilismus“ – jenem Kirchturmdenken, das hier wie in Italien noch zu vielen den Blick verstelle.

Der Heimat ein neues Zuhause geben 

Interessiert hat sich Uslenghi nach eigenen Worten für jeden Ort, an dem er sich niederließ, und das sollte aus seiner Sicht jeder tun. Die Suche nach neuen, weiteren Horizonten treibt nach Ansicht von Thamar Vainstain (23) besonders ihre Generation an. Sich selbst nimmt die Studentin, seit 19 Jahren Jügesheimerin, seit 14 Jahren in Vereinen und aktuell im Kirchenvorstand der evangelischen Emmausgemeinde aktiv, als Ausnahme wahr: Nicht die Heimat, sondern der Aufbruch sei den meisten Altersgenossen wichtig, allein der Weg sei ihnen das Ziel. Ihr selbst gebe das gewohnte Umfeld Schutz vor Ausgrenzung und Mut zum eigenen Selbst. Das aber könne überall sein, auf die Menschen und nicht auf die Stadt komme es an. Wer neue Heimat finde, müsse alte nicht aufgeben – „das haben noch nicht alle begriffen“.

Der Heimat ein neues Zuhause geben, nennt das Jutta Zeier (72). Schon Goethe habe diesen Gedanken gekannt und die Zeitgenossen dazu ermutigt. Der Mensch auf neuen Wegen, glaubt die Autorin, trage seine Heimat mit sich herum. Als intensives und lebendiges Erinnern verstanden, gewinne das „ewig Gestrige“ positiven Wert.

Rolf Wenhardt, der sich selbst einen „Urschwaben“ nennt, kann weitere Hilfsmittel empfehlen: Schon vor dem Umzug nach Rodgau 2012 hat er nach eigenem Bekunden die Offenbach-Post abonniert. „Als ich dann ankam“, verriet er, „wusste ich vor allem über die Vereine gut Bescheid.“

Quelle: op-online.de

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