Aufwühlende Reise zu Soldatenfriedhöfen

Tränen am Grab 1391

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Rosen und andächtige Stille zum Gedenken: Familie Eisert am Grab von Alois Collet. :

Wer eine Kindheit ohne den leiblichen Vater erleben muss, kann diesen Verlust nie mehr ausgleichen. Egal, wie alt man wird: Immer bleibt das Gefühl, vom Ganzen fehle ein entscheidender Teil.

Dudenhofen – Aber es bestehen Möglichkeiten der emotionalen Annäherung an den Unbekannten. Eine Chance dazu eröffnete sich für Familie Eisert aus der Goethestraße. Eine aufwühlende Reise führte Heidemarie Eisert im Juni an der Seite ihres Mannes Christian und ihrer Tochter Anke auf einen Soldatenfriedhof nach Russland. Nahe der Kleinstadt Duchowschtschina bei Smolensk kniete die 77-Jährige erstmals am Grab ihres Vaters Alois Collet. Sie hat ihn nie kennengelernt. Als der gelernte Schneider aus Jügesheim im Zweiten Weltkrieg 1942 im Alter von 33 Jahren an der Ostfront fiel, war Heidemarie Eisert nicht einmal ein Jahr alt.

Es war eine tränenreiche Begegnung in Block 16, Reihe 24, am Grab 1391. „Man kann das niemand vermitteln, wie einen das mitnimmt“, erzählt Heidemarie Eisert von dem ergreifenden Erlebnis. Ganz nah war Alois Collet allen, als Anke Eisert während der Erinnerungsminuten aus Briefen vorlas, die der so schmerzlich Vermisste von der Front nach Hause geschickt hatte.

„Die Verbundenheit zu ihm war schon immer da. Aber dieses Gefühl ist seit dem Besuch am Grab ein anderes und deutlich stärker“, schildert Heidemarie Eisert ihre Emotionen nach dem bewegenden Moment. „Das hat mich meinem Vater näher gebracht.“

Die von einem professionellen Veranstalter organisierte Reise des Gedenkens führte die Dudenhöfer Familie auf insgesamt drei Soldatenfriedhöfe. In einer Gruppe von 34 Personen machten die Eiserts Station auf Ehrenfriedhöfen in Rshew, Duchowschtschina und auf einem Waldfriedhof bei Smolensk.

„Du nahmst es mir, das Herz, das mich lieben wollte, die Hände, die mich schützen wollten, die Arme, die mich umschlingen wollten, die Augen, die mich anschauen wollten, die Stimme, die mich rufen wollte. Nichts kam zurück! Ein Opfer für das Vaterland.“

Auszug aus dem Gedicht „Der gestohlene Vater“ von Annegret Kronenberg, geboren 1939 in Gronau, Westfalen. Sie verlor ihren Vater im Krieg.

Anke Eisert hatte zur Vorbereitung Kontakte zum Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge geknüpft. Dort war ihr mitgeteilt worden, dass im Zuge der Umbettung der Gebeine Tausender deutscher Gefallener zur Kriegsgräberstätte Duchowschtschina auch in Ljudinowo 478 deutsche Kriegstote aus oberirdisch nicht mehr erkennbaren Grabanlagen in der Innenstadt geborgen worden waren – unter ihnen der 1942 dort beerdigte Alois Collet.

Bei Duchowschtschina liegt der letzte große deutsche Ehrenfriedhof, den der Volksbund im Auftrag der Bundesrepublik in Russland angelegt hat. Er duckt sich in einer Senke nahe der 4400-Einwohnerstadt. Niemand soll ihn von der Straße aus sehen. Schon gar nicht das große Kreuz inmitten des Gräberfelds. Am 3. August 2013 war dieser Ort des Gedenkens eröffnet worden. Bisher liegen auf der fünf Hektar großen Fläche die umgebetteten Gebeine von fast 60 000 deutschen Kriegstoten. 72 000 Liegeplätze werden es einst sein.

Duchowschtschina war im Zweiten Weltkrieg am 4. Oktober 1941 von der Wehrmacht besetzt worden. Am 9. Januar 1942 eroberte die Rote Armee die Stadt vorübergehend zurück, die am 17. Januar 1942 erneut in deutsche Hände fiel. Der 9. September 1943 schließlich brachte die endgültige Einnahme durch die Sowjetarmee. Zuletzt war von dem Ort nicht mehr viel übrig.

Die neue Grabplatte für den gefallenen Alois Collet, eingelassen bei Duchowschtschina in russische Erde.

Ein Volksbundmitarbeiter begleitete die Reise. Neben andächtigen Momenten der Verbundenheit erlebte Familie Eisert dabei auch einen kleinen Schock. Denn die schon vor einiger Zeit auf dem Grab von Alois Collet ins Erdreich eingelassene Grabplatte war verschwunden. „Ich dachte, mich trifft der Schlag“, ist Heidemarie Eisert jetzt noch bestürzt.

Anke Eisert stocherte auf der Suche nach der kleinen Granitplatte mit einem Stab in der Erde und schob mit der Fußspitze die Grasnarbe bei Seite. Ihr Vater und ihre Mutter nahmen Fotos zur Hilfe, die den Gedenkstein zeigen. So wollten sie den möglichen Lageplatz ermitteln. Nichts half: Der Stein blieb verschwunden. Kundige Reisebegleiter vermuteten, dass Bewohner des bitterarmen Duchowschtschina die Platte als Baustoff mitgenommen haben könnten. Vielleicht wurde daraus eine Fliese für eine Treppenstufe. Wer weiß?

Anke Eisert zeigte den Verlust beim Volksbund an. Der sicherte zu, den Gedenkstein kostenlos zu ersetzen. Eingebunden in die Aktion war Uwe Lemke, Volksbund-Gruppenleiter Umbettungsgebiet Zentralwestrussland - Smolensk. Am 9. Juli schließlich kam dessen erlösende Mail: „Wir haben gestern die Grabplatte von Alois Collet eingelassen. Also alles in Ordnung.“

VON BERNHARD PELKA

Quelle: op-online.de

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