1964

Das Jahr der Babyboomer

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Hebamme Josette Andreae-Lipinski (links) kümmert sich um den erst 14 Tage alten Alexander Planer: 54 Zentimeter groß und 3470 Gramm schwer. Auch das erste Kind von Christiane Planer (Zweite von links), Tochter Annika (4), wurde in der Praxis im „Sonnenkäfer“ betreut.

Rodgau - 2014 feiern viele Rodgauer einen besonderen Geburtstag. Sie werden 50. Nicht spektakulär, aber bemerkenswert. Denn die neuen 50er gehören zum geburtenstärksten Jahrgang 1964. Von Bernhard Pelka

1964 ist der geburtenstärkste Jahrgang, den die Bundesrepublik Deutschland je erlebt hat. Nie wurden in Deutschland mehr Kinder geboren als damals: 1,36 Millionen Babys. Aber auch 2013 war offenbar sehr fruchtbar. „Ich hatte noch nie so viel zu tun“, sagt Hebamme Josette Andreae-Lipinski. Seit 16 Jahren betreibt sie ihre Hebammenpraxis im Nieder-Röder Familienzentrum „Sonnenkäfer“. Dort betreut sie im Schnitt jährlich 150 Frauen mit ihrem Nachwuchs. 2013 kam sie auf 190 Klientinnen.

Über die Gründe für den Boom kann die gebürtige Göttingerin nur spekulieren. Zum Einen zwang die dramatisch erhöhte Berufshaftpflicht viele Hebammen zur Aufgabe. Zum Anderen begünstigte vielleicht das Elterngeld die Geburtenzahl. Seit Erhöhung der Berufshaftpflicht von 800 auf bis zu 4200 Euro macht auch Josette Andreae-Lipinski keine Entbindungen mehr. Gleichwohl bietet die Hebamme mit 34 Jahren Berufserfahrung den jungen Müttern eine Rundumbetreuung. Die Frauen kommen in der Regel ab der 15. Schwangerschaftswoche zu ihr und bleiben, bis die Kinder vier, fünf Monate alt sind. Betreuung heißt:

  • Vorsorge zusätzlich zu den gynäkologischen Untersuchungen beim Arzt
  • Sieben Abende Geburtsvorbereitungskurs
  • Nachsorge zuhause nach der Geburt
  • Nachsorge in der Praxis im „Sonnenkäfer“
  • Rückbildungsgymnastik, Babymassage
  • Selbsthilfekurs „Halswickel & Co.“ mit Tipps was zu tun ist, wenn die Kleinen krank sind und der Arzt Wochenende hat.

Die Geburtenschwemme 1964 hat für die Hebamme zwei Ursachen: „Erstens war 1964 die Verhütung noch nicht so weit. Zweitens hatte Familie damals einen anderen Stellenwert als zum Beispiel in den 68ern und danach. Die Eltern der 1964er Kinder hatten die schreckliche Kriegserfahrung zerrissener Familien gemacht. Für diese Generation waren Familie und Zusammenleben ganz wichtig. Familie und Kinder waren der Inbegriff von Heimat“, erläutert Andreae-Lipinski.

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Das Jahr der Babyboomer liegt jetzt 50 Jahre zurück. An die überfüllten Schulklassen erinnert sich Sabine Kretschmer freilich trotzdem noch immer lebhaft. „Die armen Lehrer. Das war nicht so einfach mit uns“, sagt die Leiterin der Abteilung Abfallwirtschaft/Kundenbetreuung bei den Stadtwerken. „Alles war übervoll.“ Beeinträchtigt hat das die zielstrebige Verwaltungsfachwirtin in ihrem Berufsleben nicht. Auch wenn „sehr viele auf einmal“ auf den Arbeitsmarkt gestürmt sind. Sabine war 1964 übrigens der beliebteste Mädchenname. Das geht aus Zahlen im Internet hervor. Bei den Jungs führte Thomas die Hitliste an, gefolgt von Michael und Andreas.

„Es gab zu viele Bewerber“, bestätigt Kretschmers Kollegin von der städtischen Agentur für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung, Monika Mettner. Ihren einzigartig starken Jahrgang hat sie als eher unauffällig erlebt. Gleichwohl sei die Ausbildungssituation schwierig gewesen. In Erinnerung ist der Verwaltungswirtin auch die Häufung ihres Vornamens geblieben. „In der Grundschule waren die Monikas zu viert.“ Auch Elke Plößer, Ortsbeiratsmitglied in Nieder-Roden, ist Jahrgang 1964. Die damalige Geburtenschwemme hat sie „nie negativ zu spüren bekommen“.

Als Zweite von vier Kindern kam sie in ihre große Familie. Begehrt waren damals besonders die Ferienfreizeiten der katholischen Jugend. „Die waren proppenvoll. Da musste man sich beeilen, um bei den vielen Anmeldungen noch einen Platz zu bekommen.“ Im Gedächtnis geblieben ist dem Verwaltungsratsmitglied der Gemeinde St. Matthias auch die komfortable Spielsituation: „Es war immer jemand auf der Straße zum Toben.“

Quelle: op-online.de

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