2500 Autos in drei Wochen untersucht

Ausnahmezustand in der Autowerkstatt: Es hagelt Gutachten

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Augenmaß und Feingefühl braucht Christian Richter bei der Arbeit mit dem Modellierhammer.

Hagelschäden und kein Ende: Auch drei Wochen nach dem verheerenden Unwetter kämpfen Handwerker gegen die Folgen. Neben Dachdeckern sind vor allem Autowerkstätten im Großeinsatz.

Weiskirchen – Allein bei der freien Werkstatt Auto-Beyer in Weiskirchen-Ost wurden bisher Hagelschäden an 2 500 Autos begutachtet. Die Reparaturen dürften noch Monate in Anspruch nehmen. „Wir kommen kaum noch hinterher“, sagt Geschäftsführer Reinhard Beyer. Zwei Versicherungsgesellschaften (Axa, Allianz) haben auf dem Gelände Außenstellen aufgeschlagen. Drei Sachverständige begutachten die Autos im Halbstundentakt. Auch Beyers Mitarbeiter nehmen Schäden auf. Viele Direktversicherer entsenden keine eigenen Gutachter, sondern verlassen sich auch auf den Sachverstand der Partnerwerkstatt.

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Ein Reflektorschirm mit schwarz-weißen Streifen ist das Handwerkszeug der Gutachter. Das Streifenmuster spiegelt sich im Lack. An Dellen erscheinen die Streifen gebogen. Der Sachverständige dokumentiert jede einzelne Stelle im Computer. Nach weniger als 30 Minuten weiß der Kunde, wie viel Geld ihm die Versicherung zahlt.

Rodgau: Masse der Schäden bei 3 500 Euro

Die Masse der Schäden liege bei 3 500 Euro, berichtet Reinhard Beyer. „Es gibt aber auch viele, die deutlich darüber liegen.“ Je nach Schadensbild und Alter des Autos geht das bis zum wirtschaftlichen Totalschaden.

In der Werkstatt wird jede einzige Delle mit einem Spezialstift markiert. Manche Autos sind übersät mit farbigen Markierungen. Manche Türen haben mehr als 400 „Einschüsse“ abgekriegt. In solchen Fällen ist es billiger, ein Ersatzteil zu bestellen.

Die meisten Dellen werden ausgebeult. Das ist die Aufgabe von Christian Richter und Oktay Yurt. Beide sind selbstständig und arbeiten für Autohäuser in mehreren Bundesländern – überall dort, wo sie gerade gebraucht werden. Für sie ist es gut, wenn es mal wieder irgendwo ein schweres Unwetter gibt: Der Hagel bringt ihnen Aufträge.

Eine kleine Delle an gut zugänglicher Stelle ist nach einer Minute weg. Schwierige Fälle können aber auch fünf Minuten dauern. Christian Richter deutet auf einen dunklen Audi: „Das Fahrzeug hat 800 Dellen, da sind wir anderthalb Tage beschäftigt.“

Jeder Strich markiert eine Delle: Der Kofferraumdeckel muss ausgetauscht werden.

Die Arbeit verlangt Feingefühl und Augenmaß. Mit einem Modellierhammer massiert Oktay Yurt die Beulen aus dem Autodach; der „Himmel“ wurde dazu abmontiert. Eine blendfreie LED-Lampe hilft ihm, im Gegenlicht die Krümmung des Blechs zu begutachten. Am Ende wirkt das Autodach wie neu.

Nicht alle Dellen lassen sich so einfach beseitigen

Nicht alle Dellen lassen sich so einfach beseitigen. Mal sind Verstrebungen im Weg, mal handelt es sich um Hohlteile, an deren Innenseite man nicht herankommt. Christian Richter zieht die Dellen heraus. Dabei helfen ihm kleine Klebeadapter. Er zieht das eingedellte Blech zunächst nach außen, sodass aus der Vertiefung eine kleine Beule wird. Mit leichten Hammerschlägen glättet er das Metall. Der Lack macht die ganze Prozedur anstandslos mit.

Das Streifenmuster macht auch kleine Schäden sichtbar.

Vier bis sechs Fahrzeuge pro Tag kann die Werkstatt zusätzlich zu ihrem normalen Geschäft annehmen. „Es kann sein, dass man nicht innerhalb von vier Wochen einen Termin bekommt“, sagt Reinhard Beyer. Vorrang haben Autos, die nicht mehr fahrtüchtig sind, weil Scheiben, Spiegel und Scheinwerfer zerstört sind. Reine Lackschäden müssen warten. Beyer schätzt, dass etwa jeder fünfte festgestellt Hagelschaden repariert wird. Bei bisher 2 500 begutachteten Autos wären das also rund 500 Reparaturen – Arbeit für mehrere Monate. Der Weiskircher Betrieb ist Teil einer Gruppe aus fünf Autowerkstätten von Herborn bis Dieburg. Vier Mitarbeiter aus anderen Standorten helfen vorübergehend in Weiskirchen aus, um den hohen Arbeitsanfall zu bewältigen.

Doch nicht nur Autobesitzer haben mit den Folgen des Unwetters zu kämpfen. Der Sturm hat rund 40 Hektar Wald vernichtet. Auch Vereine kämpfen nach dem Unwetter um dringend benötigte Hilfe.

Quelle: op-online.de

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