Interview mit Brandexperte Thomas Antl

Feuer im Familienzentrum stundenlang nicht bemerkt

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Bis zu 70 Feuerwehrmänner löschten den tückischen Brand am Familienzentrum, der sich stundenlang unbemerkt durch die Dämmung der Außenfassade gefressen hatte, bevor er schließlich mit offener Flamme loderte.

Jügesheim - Die Ursache des Brandes am Neubau für ein Familienzentrum am Alten Weg ist geklärt: ein Fehler bei Schweißarbeiten. Kriminalhauptkommissar Thomas Antl war zusammen mit einem Kollegen am Brandort und ermittelte.

Der Experte arbeitet seit 1990 beim Polizeipräsidium Südosthessen und seit 1996 beim Kommissariat 11, derzeit als stellvertretender Dienststellenleiter. Seit acht Jahren ist er Brandermittler. Redaktionsleiter Bernhard Pelka sprach mit dem Fachmann über den Jügesheimer Fall.

Wie rasch haben Sie im Jügesheimer Fall die Brandursache gefunden?

Die Begehung fand am Montag, 24. März, statt. Die handwerkliche Arbeit der Befunderhebung am Brandort dauerte etwa drei Stunden und beinhaltete unter anderem das Freimachen des Brandherdes. Wir arbeiten da tatsächlich mit Schaufeln und in diesem Fall sogar mit Mistgabeln, weil sich damit der nasse Dämmstoff besser beseitigen ließ. In diesem Fall mündet die Ermittlung in einem Verfahren wegen Fahrlässiger Brandstiftung. Fahrlässig, weil nicht absichtlich herbeigeführt.

Gab es Anhaltspunkte, die Sie bei den Emittlungen am Familienzentrum schnell auf die richtige Spur geführt haben - und wenn ja, welche?

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Ja, die kriminalpolizeiliche Erfahrung in der Brandursachenfeststellung und fallbezogen das Auffinden von einschlägigem Arbeitsmaterial zur Isolierung von Bodenflächen. Bitumenschweißbahnen und entsprechendes Verarbeitungswerkzeug hierzu - wie ein Flämmgerät - sind uns sofort aufgefallen. Unsere Erfahrung sagt uns einfach, dass bei solchen feuergefährlichen Arbeiten Brände entstehen können. Wobei wir anfangs nicht wussten, dass hier vor dem Brand Schweißarbeiten ausgeführt worden waren.

Als Laie stellt man sich die Spurensuche relativ schwierig bis unmöglich vor. Immerhin kommen Sie bei Ihrer Arbeit an Unglücksorte, die mehr oder weniger verwüstet sind. Wie gehen Sie vor, um trotzdem fündig zu werden?

Das sieht auf den ersten Blick nur für den Laien chaotisch aus. Der Fachmann erkennt relativ schnell mit geschultem Auge, wo der Brandentstehungsbereich liegt. Ist dieser erst einmal eingegrenzt, gilt es, alle beim Ermittler bekannten Ursachen abzuprüfen und technische, wie chemische oder natürliche Ursachen auszuschließen. Wir nennen dies das so genannte Eliminationsverfahren, das bei jeder Brandstelle konsequent angewandt wird. Wir schließen so lange mögliche Ursachen aus, bis wir ein Ergebnis haben.

Im Jügesheimer Fall glimmte der tückische Schwelbrand zig Stunden lang unbemerkt vor sich hin. Ist das ungewöhnlich oder eher die Regel?

Nein, im Gegenteil. Das ist für die hier festgestellte Ursache sogar die Regel, da dem Schwelbrand eigentümlich die Unterversorgung des Feuers mit Sauerstoff ist. Würde der Handwerker das Feuer bemerken, würde er die Flammen ja sofort löschen. Bei Vorfällen wie in Jügesheim reden wir aber über Zeitfenster von bis zu zwölf Stunden und mehr, in denen der Schwelbrand unbemerkt in Fugen und Ritzen vor sich hinkokeln kann. Sobald dann Sauerstoff hinzukommt, kommt es zu einem offenen Flammenbrand.

Bilder des Brands im Familienzentrum

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Wie oft rücken Sie im Jahr aus und wie ist Ihre Erfolgsquote?

In Stadt und Kreis Offenbach sind unsere Brandermittler des K 11 Offenbach in etwa 160 Fällen zur Brandstellenbegehung unterwegs. Hierbei liegt die Erfolgsquote in der Feststellung der Brandursache sehr hoch. Hierbei kommt es vorwiegend auf die Abgrenzung in Fahrlässigkeitstaten und vorsätzliche Brandstiftung an. Und: Nicht jeder Brand ist auch von strafrechtlicher Relevanz. Zum Beispiel Brände, die eine technische Ursache haben. Etwa durch Defekte an Haushaltsgeräten.

Quelle: op-online.de

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