Weil Alternativen fehlen

Ohne Wohnung ausgebremst: Plätze im Frauenhaus lange belegt

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Gewalt und Demütigungen sollten Frauen nicht ertragen müssen. Doch nicht immer finden sie Platz im Frauenhaus.

Kleine rote Symbole tauchen an immer mehr Tagen auf: Der Internetauftritt der 31 hessischen Frauenhäuser sollte eigentlich tagesaktuell die freien Plätze zeigen, doch zunehmend häufiger sind die insgesamt 314 Zimmer komplett belegt.

Jügesheim – Nach Schätzungen der Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser sind fast 300 weitere Zimmer oder Familienplätze nötig. Durch den enger werdenden Wohnungsmarkt mit Preisen, die sich viele Normalverdiener kaum mehr leisten können, spitzt sich die Situation zu: Sozial Benachteiligte haben überhaupt keine Chance mehr, eine Bleibe zu finden.

Die Arbeitsgemeinschaft der hessischen Frauenhäuser rechnet vor: Fanden im Jahr 2013 in 23 Frauenhäusern 1232 Frauen und 1120 Kinder Schutz, waren es 2018 nur 936 Frauen und 950 Kinder. Obwohl die Anfragen nach einer sicheren Zuflucht gestiegen sind, konnten weniger von Gewalt betroffene Frauen aufgenommen werden, weil die Einrichtungen voll belegt sind. Die längere Verweildauer der Geflüchteten macht es nicht möglich, weiteren Hilfesuchenden ein Dach über dem Kopf zu bieten. Ein Dilemma, von dem auch die beiden langjährigen Mitarbeiterinnen des Rodgauer Frauenhauses wissen.

Vermieter machen schnell dicht, wenn sie Hartz IV oder ALG II hören

„Es war immer schon schwierig für die Frauen, eine Wohnung zu finden, aber inzwischen ist es ganz schlimm“, sagt Christine Yilmaz. Vermieter machen schnell dicht, wenn sie Hartz IV oder ALG II hören. „Andere wollen keine Kinder oder haben Angst, dass der Mann irgendwann vor der Tür steht“, meint Sylke Borgsmüller. Hinzu komme eine Stigmatisierung der Frauen aus der Unterkunft. Deswegen appellieren Yilmaz und Borgsmüller: „Auch eine Frau aus dem Frauenhaus ist ganz normale Frau, die eben eine Zeit lang Unterstützung brauchte.“

Weil Betroffene keine neue Bleibe finden, steigt die Dauer ihres Aufenthalts in der Rodgauer Einrichtung: 18 Monate sind keine Seltenheit mehr, zwei Jahre war bislang die längste Zeit, die Hilfesuchende im Frauenhaus verbringen mussten. Notfälle werden zwar immer aufgenommen, doch einen dauerhaften Platz für sie zu finden, ist mehr als mühsam.

59 Frauen und 38 Kinder im Frauenhaus Rodgau betreut

Im vergangenen Jahr wurden 59 Frauen im Alter zwischen 18 und 76 Jahren und 38 Kinder im Frauenhaus Rodgau betreut, das für den ganzen Kreis Offenbach Anlaufstelle ist: Von den 37, die Angaben machten, fanden lediglich sechs Frauen eine neue eigene Wohnung, nach dem Auszug des Partners kehrten acht in die ehemalige Wohnung zurück, acht zogen in ein anderes Frauenhaus, acht kehrten zum Partner zurück, fünf zogen zu Freunden und Verwandten.

Sich neu orientieren: Dabei helfen Sozialarbeiterin Sylke Borgsmüller und Sozialpädagogin Christine Yilmaz (rechts) den Hilfesuchenden.

Das Problem ist: Wenn die Frauen es nach dem Verlassen des Partners geschafft haben, sich neu zu orientieren, würden sie gerne mit ihren Kindern durchstarten. Doch durch die fehlende Wohnung werden sie ausgebremst. Das sei sehr frustrierend, meint Sylke Borgsmüller. Denn einige der Frauen haben Arbeit gefunden, andere absolvieren sogar eine Ausbildung: „Die Frauen haben auch Energie und können sich entwickeln, es gibt alles“, erzählt die Sozialarbeiterin.

Beim Ehemaligen-Treffen erlebt Borgsmüller oft positive Rückmeldungen. „Manche Frauen sagen, das sei ein Glücksfall für sie gewesen, hier zu landen.“ Erst am Morgen sei ein Anruf einer früheren Bewohnerin gekommen, die von einer neuen Wohnung und einem neuen Job berichtet habe.

„Das Leben im Frauenhaus ist wegen der Enge arg belastend“

„Das Leben im Frauenhaus ist wegen der Enge arg belastend“, erläutert Christine Yilmaz. In den zwei Wohnungen mit fünf Zimmern stehen jeweils ein bis vier Betten zur Verfügung, auf jeder Etage gibt es nur eine Küche und ein Bad. „Das ist ja nur als Übergang gedacht“, so die Sozialpädagogin.

Weil die Station Frauenhaus für viele Hilfesuchende aber immer häufiger zur Langzeitlösung wird, sehen die Vorstandsfrauen eine Lösung des Problems nur in den Forderungen der Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser: Aufstockung der Frauenhausplätze, Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, uneingeschränkter Zugang zu Frauenhäusern für alle von häuslicher Gewalt bedrohten Frauen und die einzelfallunabhängige Finanzierung der Schutzhäuser. Dabei sei jedoch die besonders schwierige Situation behinderter Frauen nicht einmal annähernd berücksichtigt, sagt Sylke Borgsmüller.

Infos: frauenhelfenfrauen-kreisof.de

Am Freitag (25.10.2019) fuhr in Limburg an der Lahn in Westhessen ein Mann seine Ehefrau mit dem Auto an. Die Frau wohnte mit den Kindern in Limburg in einem Frauenhaus.

VON SIMONE WEIL

Quelle: op-online.de

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