Seit einer Woche im Land und nicht auffindbar

Päckchen auf Abwegen

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Vollautomatische Sortieranlagen, wie hier in Nieder-Roden, ordnen die Pakete ihrem nächsten Bestimmungsort zu. Ein falsches Etikett kann seltsame Fehler zur Folge haben.

Rodgau - Die Zusteller der Paketdienste sind in den Wochen vor Weihnachten nicht zu beneiden. Manche Kunden aber auch nicht. Ulrich Rausch aus Jügesheim läuft und telefoniert seit Tagen einem Päckchen aus Frankreich hinterher. Eigentlich sollte es am Montag ankommen. Von Ekkehard Wolf 

Ratlos steht Ulrich Rausch vor der Post- und DHL-Filiale an der Schwesternstraße: Das Päckchen auf seiner Abholkarte ist nicht auffindbar.

Laut DHL-Angaben im Internet kreist das Päckchen aber ständig durch das Paketzentrum in Nieder-Roden. Die Ursache: ein falsches Etikett.
Ulrich Rausch (52) ist Zauberkünstler. Doch diesmal helfen auch die besten Zaubertricks nicht. Ein befreundeter Varietékünstler aus der Nähe vom Paris hat ihm letzte Woche ein paar neue Stücke für seine Sammlung historischer Varietéplakate geschickt. Doch das Päckchen kommt einfach nicht an.

Am Dienstag fand der Magier eine Karte im Briefkasten: Er solle seine Sendung am Mittwoch in der Postfiliale Schwesternstraße abholen. Dort wusste niemand etwas davon: Eine Sendung mit dieser Nummer war laut Computer nie eingetroffen.

Von wegen sieben Tage Aufbewahrungsfrist: Die Sendung sei schon wieder an den Absender zurückgeschickt worden, hörte Ulrich Rausch, als er bei der Firma DHL anrief. Einen Grund dafür erfuhr er nicht.

Ein Blick ins Internet zeigt den Weg des Päckchens. Demnach überquerte es bereits am vergangenen Samstag die deutsche Grenze. Über Lahr (Schwarzwald) gelangte es am Montag nach Rodgau und wurde in das falsche Zustellfahrzeug geladen. Der Fahrer bemerkte das viereinhalb Stunden später. Nach einer Ehrenrunde durch das Paketzentrum in Nieder-Roden landete die Sendung am nächsten Tag im richtigen Fahrzeug, aber der Empfänger war nicht daheim. Das übliche Prozedere: „Die Sendung wird zur Abholung in die Filiale Schwesternstraße 2, 63110 Rodgau, gebracht.“ Dort jedoch war das Päckchen nicht aufzufinden.

Wenn man den DHL-Angaben im Internet glaubt, hat die Sendung seither eine unglaubliche Irrfahrt zurückgelegt: Zuerst ging sie über Köln in Richtung Großbritannien, dann wieder zurück nach Rodgau, wo sie im Paketzentrum Nieder-Roden scheinbar Ehrenrunden in der Sortieranlage drehte. „Die Sendung wurde im Ziel-Paketzentrum bearbeitet“ meldete DHL drei Tage lang.

Die Nachforschungen von Post-Pressesprecher Stefan Heß (Frankfurt) haben etwas anderes ergeben: „Die Sendung liegt in der Filiale zur Abholung bereit.“ Die recht kleine Sendung sei in der Schwesternstraße wohl übersehen worden. Der Zusteller erinnere sich daran, sie dort abgegeben zu haben.

Die scheinbare Irrfahrt der letzten drei Tage ist laut Heß auf ein falsches Etikett zurückzuführen. Er erklärt das so: Sehr kleine Päckchen werden im Sortierzentrum in einen größeren Kunststoffträger („Mausefalle“) geklemmt, damit sie nicht von den Förderschalen fallen. Darauf kommt ein Etikett mit dem sogenannten Leitcode.

Nachdem das Päckchen an der richtigen Stelle aus der Sortieranlage kam, blieb der Leitcode ausnahmsweise kleben. Jedes Mal, wenn die „Mausefalle“ mit einem neuen Päckchen durch die Sortieranlage lief, wurde ein weiterer Eintrag in der DHL-Datenbank erzeugt. „Jedes Päckchen hat dadurch zwei Datensätze bekommen“, erklärt Stefan Heß. Und für Ulrich Rausch sah es so aus, als drehe sein Päckchen ständig Ehrenrunden.

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„Es gibt die verrücktesten Sachen, aber so einen Fall habe ich das erste Mal erlebt“, sagt Heß, der seit 1980 bei der Post arbeitet. Er bittet die Betroffenen um Entschuldigung. DHL befördere vor Weihnachten an jedem Werktag acht Millionen Sendungen, fast doppelt so viele wie sonst. Dennoch sei jede Panne eine zuviel.

Ob die Geschichte zu Ende ist, wird Ulrich Rausch heute erfahren, wenn er in der Postfiliale erneut nach seinem Päckchen fragt. Der Magier wartet noch auf ein zweites Paket. Es kommt aus Los Angeles und landete am Sonntagmorgen auf dem Flughafen Frankfurt: „Seitdem gibt es keine neue Info auf der Sendungsverfolgung.“

An Einzelfälle glaubt Ulrich Rausch nicht mehr: „So etwas hatte ich letztes Jahr schon mal. Da wurde ein Paket fünf Tage lang durch Rodgau gefahren.“

Quelle: op-online.de

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