Interview mit Ralf Kunert

Bereit für Politik im Landtag

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Ralf Kunert

Rodgau - Ralf Kunert kennen viele Rodgauer als Mitglied diverser Vereine und als Kommunalpolitiker. Jetzt möchte der SPD-Fraktionsvorsitzende in den Hessischen Landtag. Er tritt im Wahlkreis 46 gegen CDU-Mitbewerber Frank Lortz an.

Redaktionsleiter Bernhard Pelka sprach mit dem Kandidaten.

Auf der SPD-Homepage schreiben Sie über sich, Ihr Job als Industriekaufmann im Außendienst mache Ihnen großen Spaß. Warum wollen Sie dann in die professionelle Politik umsteigen?

Es wäre eine falsche Motivation, wenn jemand nur deshalb in die Politik geht, weil ihm sein aktueller Job keinen Spaß macht. Ich gehe gern mit Menschen um und habe einen großen Gerechtigkeitssinn. Insofern war ich schon immer politisch. Es gibt Dinge, die mir seit Jahren unter den Nägeln brennen, die ich angehen möchte. Zum Beispiel Ungerechtigkeiten im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt.

Aber gerade um unser Bildungs- und Ausbildungssystem beneiden uns doch viele andere Länder. Zum Beispiel um die duale Ausbildung. Wir haben bei der Jugendarbeitslosigkeit einen Niedrigststand von 6,5 Prozent. Spanien liegt bei über 40.

Trotzdem fehlen bei uns bis zu 360.000 Fachkräfte. Und jedes fünfte Kind bei uns bleibt ohne Schul- und oder Berufsausbildung. Das ist eine Fehlentwicklung. Da müssen wir gegensteuern. Gerade in Hessen herrscht im Bildungssystem am wenigsten Chancengerechtigkeit.

Was sagt Ihre Familie zu Ihren Plänen? Sofern sich Ihre Ziele realisieren lassen, werden Frau und Tochter Sie noch weniger sehen als schon heute.

Natürlich trifft man so eine Entscheidung nicht alleine für sich. Letztlich haben wir uns gemeinsam zu diesem Schritt entschieden. Ich bin meiner Frau sehr dankbar, dass sie mir den Rücken freihält. Und natürlich verbringen wir so viel Freizeit zusammen, wie nur irgend möglich.

Sie sind noch nicht lange in der Politik. 2005 in die SPD eingetreten, seit 2007 Vorsitzender, seit Juni 2012 Fraktionschef. Was qualifiziert Sie so schnell zu höheren Aufgaben im Landtag?

Ich bin zwar tatsächlich noch nicht so lange politisch aktiv, ich war aber schon immer politisch. Insofern ist das nicht überraschend. Ich bin schon immer für sozialdemokratische Grundwerte eingetreten. Ich komme aus einer sozialdemokratisch geprägten Arbeiterfamilie. Mit weiteren drei Geschwistern habe ich schon immer Grundwerte wie Solidarität und Gerechtigkeit gelebt. Hinzu kam Unzufriedenheit in gesellschaftlichen Entwicklungen. Und da ich nicht der Mensch bin, der anderen sagt, sie sollten mal was tun, sondern der lieber selbst anpackt, ist mein Schritt nur konsequent. Wer gestalten will muss ran. Dass andere mir zutrauen, ein guter Politiker zu sein, macht mich stolz.

Was macht denn einen guten Politiker aus?

Er muss vor allem gut zuhören. Eigene Ziele sind natürlich wichtig. Aber man muss in erster Linie mit dem Ohr dort sein, wo den Bürgern der Schuh drückt.

Sie treten gegen einen Mitbewerber der Union an, der den Wahlkreis 46 seit Jahrzehnten dominiert. Welche Chance rechnen Sie sich wirklich aus?

Gute. Aber ob ich Chancen habe oder nicht, entscheiden am Ende die Bürgerinnen und Bürger. Ich biete ihnen eine gut wählbare Alternative an und bin zuversichtlich. Natürlich will ich ich in meinem Wahlkreis ein gutes Ergebnis für die SPD erreichen, um an dem Wechsel in Wiesbaden mitzuwirken.

Viele Wähler haben den Eindruck, dass die Parteigrenzen und Polit-Programme verwischen und es deshalb egal ist, wo man sein Kreuzchen macht. Was sagen Sie solchen Leuten? Warum sollen Sie Ihnen und damit der SPD ihre Stimme geben?

Das wird völlig falsch gesehen. Wer sich die Programme genau ansieht, der entdeckt wesentliche Unterschiede, die unsere Gesellschaft ganz eklatant betreffen. Wir stehen zum Beispiel für einen flächendeckenden Mindestlohn in allen Bereichen, während die CDU nur einzelne Bereiche bedienen will. Wir sagen, wir brauchen gebührenfreie Kitas - was in Rodgau ja schon prima funktioniert. Wir wollen verhindern, dass Bildung kostet, während CDU-Prominente schon wieder die Einführung von Studiengebühren fordern. Wir sagen, 45 Jahre Arbeitsleistung müssen reichen, um ohne Abschläge Rente zu beziehen. Davon ist Frau von der Leyen mit ihrer so genannten Lebensleistungsrente weit entfernt.

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Aber das wird im Bund entschieden und nicht im Hessischen Landtag.

Das ist richtig, aber ohne die Länder wird der Bund die Finanzierungsprobleme nicht lösen. Der eine kann nicht ohne die anderen.

Welche lokalen Themen werden Sie, im Falle eines Wahlsiegs, im Landtag zur Sprache bringen. Wo sehen Sie Nachholbedarf in Ihrem Wahlkreis?

Zuerst bei den kommunalen Finanzen. Wir sehen ja, wie zum Beispiel Rödermark unter dem Schutzschirm leidet. Der Spielraum ist zu eng. Das muss anders werden, weil sich in den Kommunen das Leben abspielt. Aber die Landesregierung hat den Kommunen über 340 Millionen Euro jährlich aus dem Finanzausgleich gestrichen. Außerdem muss man den Kommunen die Chance lassen, sich an der Energiewende zu beteiligen. Die Landesregierung hat aber einfach die Latte für Windkraftanlagen so hoch gelegt, dass dies bei uns unmöglich geworden ist. Das Land sollte keinem Investor vorschreiben, ab wann sich für ihn eine solche Anlage lohnt. Das ist der falsche Weg. Dezentrale Energiegewinnung stärkt die Kommunen und ihre Bürger. Man kann sie sogar daran beteiligen.

Wie sehr das schief gehen kann, haben wir in Rodgau ja gerade erlebt. Das erste Gemeinschaftsprojekt zwischen Stadtwerken und Bürgerenergiegenossenschaft Rodgau/Rödermark ist mehr als holprig angelaufen.

Da wurden handwerkliche Fehler gemacht. Das hat die Verwaltungsspitze eingeräumt. An der Sache ändert das aber nichts. Es ist gut, wenn die Bürger von Anfang an mitgenommen werden bei der Energiewende und der Energiegewinnung. Aber man hat die Energie so lange teuer geredet, bis die Akzeptanz in der Bevölkerung nachgelassen hat.

Politik lässt sich manchmal nur schwer aushalten. Auch Sie müssen schon jetzt einen Spagat meistern. Ausgerechnet Rodgaus FDP-Stadtrat Michael Schüßler, den Sie mit der SPD, Grünen und FWG in der Rathauskooperation tragen, hat am Kinderförderungsgesetz mitgewirkt, das Ihre Landtagsfraktion geradezu verteufelt.

Wir tragen Herrn Schüßlers gute Arbeit auf kommunaler Ebene mit. Aber beim Kinderföderungsgesetz haben wir verschiedene Ansichten. Diese Freiheit muss auch sein. Ich glaube, dieses Gesetz zielt in die falsche Richtung. Es führt nicht zu Qualitätssteigerungen. Der ländliche Raum wird schon aus strukturellen Gründen dadurch benachteiligt. Auch schafft das Gesetz Anreize, die Betreuungszeiten zu reduzieren. Das ist genau der falsche Weg.

Quelle: op-online.de

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