Mit dem Rettungsdienst unterwegs

Wenn der Böller ins Auge geht

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Mit Blaulicht fährt die Notärztin zum nächsten Einsatz. Der Rettungswagen startet gleich zur Klinik.

Rodgau – Sie arbeiten, während andere feiern: Während anderswo die Gläser klirren und die Feuerwerksraketen zischen, behalten die Rettungsfachkräfte der Johanniter einen kühlen Kopf. Sie sind hellwach: Jeder Moment kann den nächsten Einsatz bringen. Von Ekkehard Wolf

Für die Silvesternacht haben alle Rettungsdienste ihr Personal hochgefahren. Bei der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH) in Nieder-Roden stehen vier statt drei Fahrzeugbesatzungen bereit. Auch die Außenwache in Froschhausen ist besetzt.

„Es kann vorkommen, dass man von einem Einsatz zum nächsten fährt“, hat mir JUH-Rettungsdienstleiter Christian Keller vor ein paar Tagen gesagt. Doch der Abend ist ruhig. Seit Schichtbeginn um 18 Uhr war jedes Zweierteam nur einmal unterwegs. Die letzte Stunde bis Mitternacht zieht sich hin: Ein Kollege arbeitet am Computer, drei vertreiben sich die Zeit beim Kartenspiel, zwei weitere sitzen vor dem Fernseher.

Wenn der Funkspruch kommt, müssen sie innerhalb von 60 Sekunden losfahren – und spätestens zehn Minuten nach dem Alarm beim Patienten sein.

Verletzter entschuldigt sich

0.10 Uhr: Es ist so weit. Einsteigen, Anschnallen, Blaulicht an und los geht’s nach Ober-Roden. Das tonnenschwere Fahrzeug fliegt durch die Verkehrskreisel. Der Navi-Bildschirm zeigt erste Informationen an: Ein Mann hat einen Feuerwerkskörper ins Gesicht bekommen. Möglicherweise sind die Augen verletzt.

Bei Rollwald muss der Fahrer zum ersten Mal einer Feuerwerksbatterie ausweichen, die mitten auf der Straße steht. In Ober-Roden wird sogar auf beiden Fahrbahnen geböllert. Der Rettungswagen rumpelt über den Gehweg. Jede Sekunde zählt. Keine fünf Minuten nach dem Alarm sind Notfallsanitäter Markus Koch und seine Kollegin Sarah Felten am Ziel.

Notfallsanitäter Markus Koch und Rettungssanitäterin Sarah Felten im Rettungswagen.

Der Verletzte hat Schmerzen und blutet aus einer kleinen Stirnwunde, als er die zwei Stufen in den rollenden Behandlungsraum hinaufsteigt. Dennoch hat er freundliche Worte für die beiden Rettungskräfte parat: „Es tut mir leid, dass ich euch das Neujahr verderbe.“ Sie fragen routiniert die Symptome ab, gehen aber auch sensibel auf die Gefühlslage ihres Patienten ein. Eine Augenspülung lindert die Beschwerden, eine Mullkompresse stoppt die Blutung. Inzwischen sind die Notärztin und ihr Mitarbeiter eingetroffen. Drei Personen arbeiten gleichzeitig am Patienten, der Vierte erfragt die Daten fürs Behandlungsprotokoll. „Es pikst jetzt gleich im Arm“, sagt die Ärztin. Gleichzeitig geht die Befragung weiter: Name, Geburtsdatum, Adresse, Krankenkasse. Der Notfallsanitäter meldet Pulsfrequenz, Blutdruck und Sauerstoffgehalt. Kurz darauf ist die Notärztin schon wieder fort – unterwegs zum nächsten Notfall.

Eine Million Menschen feiern am Times Square

0.36 Uhr: Der Rettungswagen startet nach Frankfurt. Der Patient soll in die Uniklinik: Mit Augenverletzungen ist nicht zu spaßen. Jetzt sind alle Fahrzeuge unterwegs, wie der rege Funkverkehr verrät. Einem elfjährigen Kind in Dietzenbach ist ein Feuerwerkskörper in der Hand explodiert. Ein Feuerwehrmann in Urberach hat sich am Sprunggelenk verletzt. Und, und, und. Um 0.55 Uhr wird der erste jugendliche Komasäufer gemeldet. „Jetzt beginnen die Alkoholvergiftungen und dann kommen die Schlägereien“, weiß Markus Koch aus Erfahrung.

Nachtdienst an Silvester (von links): Benjamin Berger, Sarah Felten, Anton Menzel, Markus Koch.

In der Notaufnahme der Augenklinik ist der Flur voller Menschen. Der 40-Jährige aus Rödermark ist nicht das einzige Böller-Opfer dieser Nacht. Die beiden Johanniter verabschieden sich mit Handschlag und guten Wünschen, desinfizieren ihr Fahrzeug und fahren zurück nach Rodgau. Ihre Nachtschicht dauert noch bis 6 Uhr.

Quelle: op-online.de

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