Wohnung und Job weg

Sozialer Abstieg in acht Wochen

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Rodgau - Erst ist die Arbeit weg, dann die Wohnung: Regina S. (Name geändert) hat in den letzten Wochen erlebt, wie schnell der wirtschaftliche Absturz gehen kann. Das soziale Netz kann den Fall zwar bremsen, aber man muss sich gut festhalten.

Regina S. will nicht ganz unten landen: „Aber wie finde ich schnell eine bezahlbare kleine Wohnung?“.

Der Gerichtsvollzieher klingelte am Montagmorgen. Während Regina S. das Allernötigste in vier Reisetaschen packte, tauschte ein Handwerker das Türschloss aus. In den nächsten Tagen muss sie ihre restliche Habe abholen. Ihre Möbel kann sie vorübergehend in einer Garage des Ex-Vermieters unterstellen.

„In den letzten Wochen alles zu viel“

Die Räumungsklage lief schon länger, doch der Termin kam für die 47-Jährige überraschend. „Vielleicht waren das die Anrufe mit unterdrückter Rufnummer auf meinem Handy“, vermutet sie. Sie schließt aber auch nicht aus, dass sie den Räumungstermin einfach verschwitzt hat: „Das war in den letzten Wochen alles so viel. Natürlich hätte ich mich besser kümmern müssen, aber ich war überfordert.“

Ende April hatte die gelernte Sekretärin ihre Arbeitsstelle bei einer Zeitarbeitsfirma verloren. Zweieinhalb Jahre hatte sie für das Unternehmen gearbeitet - in dieser Branche eine lange Zeit. Ihre Erfahrung: „Die Disponenten werden immer jünger und haben keine Ahnung, wie es draußen in den Betrieben aussieht. Die Menschlichkeit ist gleich null.“ Drei Monate war sie krank und bekam nur noch das geringe Grundgehalt.

Auf ihr letztes Gehalt wartete sie vergebens. Erst eine Klage beim Arbeitsgericht bewegte den Ex-Arbeitgeber zur Zahlung. Doch da war es schon zu spät, die Wohnungsmiete zu überweisen. Die Geduld des Vermieters war erschöpft. Bereits während ihrer Krankheit hatten die Einkünfte nicht immer ausgereicht, um die Miete pünktlich zu bezahlen. Regina S. stotterte den Betrag zeitweise in 50-Euro-Raten ab.

Arbeitsagentur erkennt Notlage nach Hinweis

Als Regina S. im Mai Arbeitslosengeld beantragen musste, besaß sie praktisch kein Geld mehr, um sich etwas zu essen zu kaufen. Bei der Agentur für Arbeit in Jügesheim erhielt sie ein Formular und einen Termin zur Antragsabgabe – etwa vier Wochen später. Auch die Hartz-IV-Behörde in Dietzenbach konnte nicht sofort helfen. Nach einem Hinweis unserer Zeitung erkannte die Arbeitsagentur die Notlage: Nach nur drei Tagen hatte Regina S. wieder Geld auf dem Konto. Doch das Arbeitslosengeld reicht nicht zum Leben. Es liegt nur 46 Euro über dem Betrag, den Regina S. bisher als Miete bezahlte.

Die Rodgauerin will möglichst bald wieder arbeiten. Noch vor ihrem Gang zur Arbeitsagentur hatte sie ihr erstes Vorstellungsgespräch – leider erfolglos. Seither hat sie sich bei mehreren anderen Arbeitgebern vorgestellt. Sie ist zuversichtlich, bald eine neue Stelle zu finden.

Regina S. hat das Glück, dass ihre Eltern in Rodgau leben. So hat sie vorübergehend eine Bleibe. Als Alternative konnte ihr die Stadtverwaltung nur ein Zimmer in einer einfachen Obdachlosenunterkunft anbieten, für 160 Euro pro Monat. Aber dort will sie nicht hin, wenn es sich vermeiden lässt.

„Ich möchte meinen Eltern nicht zur Last fallen“, sagt Regina S. So schnell wie möglich will sie wieder auf eigenen Füßen stehen. Eine kleine Wohnung könnte der Start zum Neuanfang sein: „Ich bin ordentlich, anständig, habe mir nie etwas zuschulden kommen lassen.“ Am liebsten würde sie ihr geliebtes Haustier bald wieder bei sich aufnehmen. Der Vogel ist vorübergehend bei netten Menschen untergebracht.

Trotz der Schicksalsschläge der letzten Wochen wirkt Regina S. gefasst. Sie blickt nicht zurück, sondern geht tatkräftig daran, ihr Leben neu zu organisieren. Dabei erlebt sie aber auch, wie begrenzt die Möglichkeiten einzelner Behörden sind. Ein Beispiel: Das Jobcenter „Pro Arbeit“ gibt keine grundsätzliche Zusage über Wohngeld, sondern prüft immer nur einen Antrag für eine konkrete Wohnung. Regina S.: „Wenn ich mit dem Formular zu einer Wohnungsbesichtigung gehe, bin ich doch von Anfang an abgestempelt. Bis der Antrag bearbeitet ist, ist die Wohnung vergeben.“

eh

Quelle: op-online.de

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