Großes Loch im Versorgungsnetz

Kinderarztpraxis in Weiskirchen schließt: Nur noch eine einzige Praxis für Rodgau

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Untersuchungen wie diese gehören in Rodgau-Weiskirchen vorerst der Vergangenheit an. Das Foto entstand nicht in der Praxis dort.

Eltern und Kinder stehen ab Freitag vor einem Riesenproblem: Donnerstag hat die Kinderarztpraxis in Weiskirchen letztmals Sprechstunde. Danach schließt der Betrieb.

  • Eine der wenigen Kinderarztpraxen in Rodgau schließt
  • An der Tür der Kinderarztpraxis hängt ein Zettel
  • Arztsitz in Weiskirchen wird ausgeschrieben für Interessenten

Rodgau –  Ab Freitag gibt es in Rodgau nur noch einen einzigen Kinder- und Jugendarzt in Nieder-Roden, den eine Kollegin in der Praxis unterstützt.

Gestern herrschte vor der geschlossenen Praxistür an der Hauptstraße 111 in Weiskirchen bereits helle Aufregung. Mütter standen auf der Straße. Sie waren gekommen in der Hoffnung, etwas Genaues zu erfahren.

Kinderarztpraxis in Weiskirchen schließt: Nur noch eine einzige Praxis für Rodgau

„Ich bin stinksauer. Das Praxisteam kann zwar nichts dafür, aber ich hätte schon gerne aus erster Hand erfahren, was los ist“, empörte sich eine junge Frau. Sie hatte lediglich über die sozialen Medien im Internet erfahren, „dass am Donnerstag Schluss ist“. „Ich weiß auch nichts. Ich dachte, ich schau mal vorbei, um mehr zu hören“, war eine andere Mutter enttäuscht.

Weitere Eltern berichteten unserer Zeitung, sie seien aufgefordert worden, die Patientenakten bis Donnerstag abzuholen. In der Praxis selbst war gestern telefonisch und persönlich niemand erreichbar. An der Tür hängt lediglich ein Zettel, der auf die ausgedünnten Sprechzeiten hinweist. Auch die haben sich dann ab Freitag erledigt.

Rodgau: Kinderarztpraxis in Weiskirchen schließt

Zur Aufklärung trägt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen bei. Auf Anfrage unserer Zeitung sagte ein KV-Sprecher, er bedauere die Entwicklung sehr. Er sei selbst Vater eines kleinen Sohnes und wisse um die Probleme, die nun auf Eltern und Kinder zukommen.

Die negative Entwicklung begann mit dem Tod der früheren Kinder- und Jugendärztin Dr. Marion Kindling-Rohracker, im August 2019. Die Fachärztin von ausgezeichnetem Ruf hatte die Praxis über Jahre hinweg geführt.

Ein Zettel weist auf die dürren Sprechzeiten hin.

Die KV kümmerte sich nach dem Trauerfall um eine sogenannte Notbeauftragung. Das bedeutet: Zwei junge Nachwuchskräfte wurden nach Weiskirchen geschickt mit der Option, die Nachfolge zu übernehmen. Die Frist für solche Beauftragungen dauert sechs Monate und endet mithin zum 1. Februar.

„Leider fand sich kein Nachfolger. Lose Gespräche über eine Übernahme fanden statt. Das scheiterte aus unterschiedlichen Gründen. Zum Beispiel ist eine der beiden Ärztinnen noch relativ jung und möchte noch mehr Erfahrung sammeln, bevor sie sich niederlässt“, erläuterte der KV-Sprecher.

Rodgau: Arztsitz geht in die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung

Was geschieht jetzt? Der Arztsitz geht wieder zurück in die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung. Er wird neu ausgeschrieben und vergeben, falls sich ein Interessent findet. Das hört sich einfacher an als es ist. Selbst wenn sich jemand für den Arztsitz interessiert, heißt das nicht, dass er automatisch auch wieder nach Rodgau kommt. Geplant und vergeben werden Arztsitze immer nur für den Landkreis Offenbach. Und der ist im Moment dicht: Kein zusätzlicher Kinder- und Jugendarzt darf sich dort niederlassen. Erst im März/April entscheidet der Landesausschuss, ob der Kreis Offenbach wieder für neue Ärzte dieser Fachrichtung geöffnet wird.

Aktuell arbeiten im Landkreis 25 Kinderärztinnen und -ärzte in 15 Praxen. Der Versorgungsgrad liege bei 103 Prozent, teilt der KV-Sprecher mit. Damit liege man „statistisch weit von einer Unterversorgung entfernt“. Die Bedarfsplanung sieht jeweils einen Kinder- und Jugendarzt für etwa 2 800 Kinder vor.

Rodgau: In Zukunft weite Wege für Eltern

Der Sprecher räumte ein, dass Statistik den Rodgauer Eltern und Kindern nichts nütze. Bis zum nächsten Kinder- und Jugendarzt müssten sie künftig wohl weit fahren. Ihnen bleibe nur, sich direkt an andere Praxen oder an die zentrale Terminservicestelle unter 116117 zu wenden.

Patientenakten, die bis Donnerstag nicht in Weiskirchen abgeholt werden, müssen laut dem KV-Sprecher vom Erben der verstorbenen Dr. Marion Kindling-Rohracker zehn Jahre aufbewahrt und auf Wunsch zumindest in Kopie herausgegeben werden.  

bp / eh

Die ärztliche Versorgung in Rodgau wird ein Stück schlechter. Volker Weirich muss seine Hausarztpraxis am Puiseauxplatz schließen

Quelle: op-online.de

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