Eltern in Nöten

Rodgau setzt alle Hebel in Bewegung: Ein weiterer Kinderarzt soll her

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Glücklich, wer einen Kinderarzt findet! Eltern in Rodgau tun sich zurzeit damit schwer.

Die Stadt setzt alle Hebel in Bewegung, um einen weiteren Kinderarzt nach Rodgau zu holen. Sie schreibt sogar Kliniken an und will Praxisräume anmieten. Ein erster Erfolg: Die Kassenärztliche Vereinigung will kurzfristig einen weiteren halben Arztsitz zulassen.

Rodgau – Die Not der Familien, die einen Kinderarzt suchen, bleibt nicht ungehört. Politische Parteien fordern die Verantwortlichen zum Handeln auf, wohl wissend, dass die Politik gar nicht über die Niederlassung von Ärzten entscheiden kann.

Auch Magistrat und Stadtverwaltung setzen alle Hebel in Bewegung. Mit einer Online-Petition wendet sich die Stadt an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen. Der Aufruf steht seit Montagnachmittag im Netz. Nach zwei Tagen haben sich schon mehr als 300 Unterstützer angeschlossen. Die Petition läuft bis zum 8. März. Bis dahin will die Stadt mindestens 1000 Online-Unterschriften sammeln.

Gemeinsam wollen KV und Stadt den Versorgungs-Engpass entschärfen. Die Kassenärztliche Vereinigung kündigte gestern an, die einzig verbliebene Kinder- und Jugendarztpraxis in Rodgau könne einen zusätzlichen halben Arztsitz beantragen. Zudem stehe ein freier Sitz für einen zusätzlichen Hausarzt zur Verfügung, der neben Erwachsenen auch Kinder- und Jugendliche behandeln könne. Einen Interessenten gebe es bereits, die Stadt wolle bei der Suche nach Praxisräumen helfen.

Nicht nur in Gesprächen mit der Kassenärztlichen Vereinigung bemüht sich die Stadt um Fortschritte. „Im Moment arbeiten wir auf allen Kanälen, die auch nur ansatzweise Erfolg versprechen“, sagt Bürgermeister Jürgen Hoffman. Sowohl in einer Online-Börse für ansiedlungswillige Ärzte als auch im Deutschen Ärzteblatt wirbt die Stadt um Kinderärzte. Ihr Ziel: Sie will einen Kandidaten präsentieren, wenn der Zulassungsausschuss der KV Hessen Ende April wieder tagt. Der Bürgermeister hat sogar Kinderkliniken von Gießen bis Heidelberg angeschrieben, um Mediziner zu finden.

Eltern können die Patientenakten ihrer Kinder weiterhin abholen. Ein Zettel am Eingang weist darauf hin.

Zudem will die Stadt die bisherige Kinderarztpraxis in Weiskirchen vorübergehend mieten, damit sie nicht an einen anderen Mieter vergeben wird. „Es ist nicht unser Ziel, Ärzten Räume zu finanzieren“, betont Bürgermeister Hoffmann: „Wir mieten nicht Räume für einen Arzt an, sondern wir halten die Räume warm, damit ein Arzt einziehen kann.“ Wirtschaftsförderer Bernhard Schanze ergänzt: „Wir versuchen, alles zu machen, was geht, um diese Praxis wiederzubeleben.“

Seit Jahren berichten Eltern über Probleme, einen Arzt für ihre Kinder zu finden. Die Kinder- und Jugendärzte waren und sind so stark ausgelastet, dass sie zeitweise einen Aufnahmestopp verhängen mussten. Die Situation hat sich dadurch zugespitzt, dass die Praxis in Weiskirchen seit 31. Januar geschlossen ist. Nach dem Tod von Dr. Marion Kindling-Rohracker hatte die KV Hessen den Betrieb zwar per Notbeauftragung weitergeführt, aber nur für sechs Monate.

Nun gibt es für rund 7 700 Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren in Rodgau nur noch 1,5 niedergelassene Kinder- und Jugendärzte: Dr. Andreas Hinkel und Dr. Nadine Gerhold-Stieb in Nieder-Roden.

Geschlossene Arztpraxis an der Hauptstraße in Weiskirchen: Die Stadt will sie für einige Monate anmieten, um sie für einen Praxisnachfolger zu sichern.

Die neue Bedarfsplanungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses vom Dezember 2019 sieht für jeweils 2 862 Kinder und Jugendliche einen Kinderarzt vor. Die Arztsitze werden jedoch nicht ortsbezogen vergeben, sondern für einen Planungsbereich, der den ganzen Kreis Offenbach umfasst.

Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin sind gefragt. Nicht jeder Mediziner dieser Fachrichtung will eine eigene Praxis aufmachen. Viele Ärzte arbeiten lieber als Angestellte, zum Beispiel in medizinischen Versorgungszentren wie in Heusenstamm. Auch dort werden gerade Kinder- und Jugendärzte gesucht.

VON EKKEHARD WOLF

Quelle: op-online.de

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