Ende einer Tradition

Nach mehr als 300 Jahren: Gasthaus „Zum Engel“ macht zu

Betrübte Gesichter machen Herbert Spahn, Dagmar Hoffmann-Viel und Hans-Jürgen Viel (von links). Sie schließen das Gasthaus „Zum Engel“ am Jahresende.
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Betrübte Gesichter machen Herbert Spahn, Dagmar Hoffmann-Viel und Hans-Jürgen Viel (von links). Sie schließen das Gasthaus „Zum Engel“ am Jahresende.

Der „Engel“ ist das älteste Gasthaus in Rodgau. Aber nicht mehr lange. Nach mehr als 300 Jahren macht das Traditionslokal zu. An Silvester wird dort das letzte Schnitzel gebraten und das letzte Bier gezapft.

  • Eine Wirtsfamilie in Rodgau trifft eine schwere Entscheidung
  • Das Gasthaus „Zum Engel“ macht dicht.
  • Damit geht eine Tradition zu Ende.

Nieder-Roden - Die Covid-19-Pandemie zwingt die Wirtsfamilie des Traditionsgasthauses „Zum Engel“ zu einer der schwersten Entscheidungen ihres Lebens. „Wir haben viele Höhen und Tiefen erlebt und sind immer wieder aufgestanden“, schreiben Dagmar Hoffmann-Viel und Hans-Jürgen Viel in einer Pressemitteilung. Doch Corona hat das Geschäftsmodell zerstört.

Seit Mitte März finden keine Jahrgangstreffen mehr statt, Chorproben fallen aus, Vereinssitzungen sind so kurz wie möglich. Im Saal finden weder Vorträge noch das Rudelsingen statt. Auch Familienfeiern sind rar geworden – zweimal Erstkommunion, einmal Konfirmation, und das in kleinem Rahmen.

Rodgau: Gasthaus „Zum Engel“ macht dicht - Kein Nachfolger in Sicht

„Die ältere Generation traut sich nicht mehr, wegzugehen und wir müssten zu viel umbauen, damit ein jüngeres Publikum kommt“, sagt Dagmar Hoffmann-Viel. „Das hat bei uns keinen Sinn, weil kein Nachfolger da ist.“

Seit 1713 war das Gasthaus „Zum Engel“ im Familienbesitz. Vor zwölf Jahren übergab Herbert Spahn den Betrieb an seine Tochter und den Schwiegersohn. Der Senior war weiterhin fast täglich im Lokal, stand hinter der Theke oder setzte sich zu den Stammgästen. Auch das hat sich durch die Pandemie geändert. Für den 77-Jährigen ist es zu beschwerlich, ständig Maske zu tragen. Jetzt kommt er nur noch ab und zu und macht „ein bisschen Gästebetreuung“, wie er sagt.

„Der Herbert“, wie man ihn in Nieder-Roden nennt, hat fast sein ganzes Leben in dem Gasthaus gearbeitet. Schon als Kind packte er mit an, weil sein Vater im Krieg gefallen war. Lebhaft erinnert er sich an die 50er- und 60er-Jahre: „Damals waren wir der Jugendtreff vom Rodgau bis nach Offenbach.“ Die jungen Leute mit wenig Geld hätten zur Sperrstunde oft einen Heißhunger nach Wurstbroten entwickelt: „Samstag nachts habe ich noch einen ganzen Laib Brot verkauft.“

Ältestes Gasthaus in Rodgau schließt: Wirtsleute waren mit Leib und Seele dabei

Die Wirtsleute waren damals wie heute mit Leib und Seele für ihre Gäste da. Erst seit zwölf Jahren gibt es einen Ruhetag. Bis zum Beginn der Corona-Pandemie war der „Engel“ von 10 Uhr bis Mitternacht durchgehend geöffnet. Nun gelten reduzierte Öffnungszeiten ab 16 Uhr: Frühschoppen und Mittagstisch sind einfach nicht mehr gefragt. Auch abends ist nicht mehr so viel los wie früher.

Der „Engel“ in den 1930er-Jahren: Damals schenkte Wirtin „Siska“ noch Henninger-Bier aus.

„Durch Corona hat sich alles verändert“, berichtet Dagmar Hoffmann-Viel. Sie vermutet, dass es in der ganzen Branche nie mehr so sein wird wie „vor Corona“. Dazu kommt die Unsicherheit: Niemand weiß, wie sich die Pandemie entwickelt.

Rodgau: Familie gibt Gasthaus „Zum Engel“ auf - Wohnungsumbau soll folgen

Nach vielen schlaflosen Nächten hat sich die Familie durchgerungen, die Gastwirtschaft aufzugeben. Das Haus bleibt im Familienbesitz. Gasträume und Saal werden zu Wohnungen umgebaut.

Ausschlaggebend war die Stimme des Seniors. „Der Papa hat gesagt: Dagmar, mach zu“, berichtet Dagmar Hoffmann-Viel: „Das war ein Schock für mich, das hätte ich nie gedacht.“ Herbert Spahn sieht es pragmatisch: „Man muss wissen, wann es vorbei ist“, sagt er.

Den Wirtsleuten bleibt keine Gelegenheit, Trübsal zu blasen, denn bis Silvester läuft der Betrieb weiter: mit Herzblut und vollem Einsatz, wie gewohnt. (Von Ekkehard Wolf)

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