„Wie ein Pakt mit dem Teufel“

+

Rodgau - Ärgernis private Krankenversicherung: Wie ein Selbstständiger aus Rodgau, der früher Millionen-Umsätze mit seinen Uhren-Firmen erzielte, sehr schnell in die Armutsfalle geraten ist. Von Peter Schulte-Holtey

„Ich bin zuletzt immer tiefer gesunken, habe durch die private Krankenversicherung und die deutsche Rechtsprechung Pennerstatus - und das in diesem reichen Land.“ Zornig berichtet Hartmut Plamper über sein Leben und sein Schicksal, das ihn - im Dauergefecht mit Ärzten, einer privaten Krankenversicherung (PKV) und Sozialbehörden - vom erfolgreichen Uhrenhändler in erstaunlich kurzer Zeit nach ganz unten katapultierte. Die Stichworte seiner Leidensgeschichte: Arbeitsunfähigkeit, Hartz IV, kein Entrinnen aus der PKV und die Weigerung der gesetzlichen Kasse, ihn aufzunehmen, weil er zuletzt selbstständig war.

Manchmal klingt der 48-Jährige verbittert: „Obwohl ich seit meinem 15. Lebensjahr fast jeden Tag mehr zwölf Stunden gearbeitet habe, werde ich jetzt im Stich gelassen. Toller Staat!“ Doch im Gespräch mit ihm ist auch stets der Kampfeswille herauszuhören.

Erfinder der Eurouhr

Wie konnte es soweit kommen? „Natürlich hatte ich gute Zeiten, viele Jahre ging es steil bergauf - mit harter Arbeit“, erinnert sich der Rodgauer. „25 Jahre lang war ich selbstständig, habe zwei Uhrenfirmen gehabt - die Ego-Uhren GmbH und die Einzelfirma mit meinem Namen - ,Plamper Design’. 14 Jahre lang bin ich im Jahr bis zu 100.000 Kilometer im Außendienst gefahren, ich war Produzent, Lieferant für Audi-, BMW- und Mercedesuhren und bedeutender Hersteller von Werbeuhren für andere Konzerne. Ich bin auch Erfinder der sogenannten Eurouhr, die über zehn Millionen Mal vertrieben wurde, von sämtlichen Werbeuhrenfirmen“, sprudelt es nur so aus Plamper heraus. Ein Kurzabriss der „guten Zeiten“, in denen er viel Geld verdiente und wieder investierte. Dann kam der vielleicht größte „Einbruch“ in seinem Leben. 2010 wurde zu einem Schicksalsjahr für Hartmut Plamper: „Ich wurde schwer krank, durch einen Bandscheibenvorfall und musste die private Krankentagegeldversicherung in Anspruch nehmen. Meine Krankenversicherung drängte mich dazu, in eine Bandscheibenoperation einzuwilligen. Meine Ärzte erklärten mir, dass ich mir im Lendenwirbelbereich eine Versteifung der Wirbelsäule erstellen lassen müsste. Das hätte allerdings zur Konsequenz, dass ich mein Fahrpensum stark einschränken müsste.“ Zu diesem Zeitpunkt sank seine Hoffnung von Tag zu Tag. Erst eine Vertrauensärztin der Versicherung machte ihm wieder Mut: „Sie hat mir freundlicherweise einen guten Rat gegeben und sagte, ich soll mich mit sogenannten CT-Spritzen, unter anderem Kortison, behandeln lassen. Das habe ich dann auch getan und meine Beschwerden wurden in kürzester Zeit wieder besser.“

An eine dauerhafte Wirkung wollten die Verantwortlichen bei der Krankenversicherung aber wohl nicht glauben. Plamper: „Die zitierten mich zu einem Institut in Frankfurt, mit dem die Krankenversicherung zusammenarbeitet. Der zuständige Mediziner wollte auf die Schreiben seiner Kollegen, die mich bis zu diesem Zeitpunkt behandelt hatten, nicht eingehen. Er meinte, ich könne sofort wieder arbeiten gehen. Zuvor hatten mir Ärzte Maßnahmen und Anwendungen vorgeschlagen, um meine Muskulatur im unteren Rückenbereich zu stärken.“ Nach der langen Schonhaltung und der Rückenprobleme war die Muskulatur verkrampft und geschwächt. Plamper: „Doch der von der Privaten Krankenversicherung beauftragte Arzt zwang mich quasi, meine Tätigkeit wieder aufzunehmen. Er schrieb mich ,berufsfähig’.“ Die Folge war für den Rodgauer absehbar: Ein schwerer Rückfall.

Berufsunfähigkeit abgelehnt

Und lenkte die Versicherung ein? Von wegen. Der PKV-Arzt lehnte es ab, ihn „berufsunfähig“ zu schreiben. Seit März 2011 hatte Plamper kein Einkommen mehr; die Krankenversicherung stellte die Zahlungen des Krankentagegeldes ein. Er konnte den Versicherungsbeitrag von fast 500 Euro im Monat nicht mehr zahlen, musste sämtliche Ersparnisse aufbrauchen und auch seine Firmen schließen. Das vorläufige Ende einer Ärzte-Odyssee?

„Aufgeben wollte ich nie“, schiebt er schnell nach. Nicht alle Menschen halten eine solche Situation aus. Manche geben einfach auf, fügen sich. Plamper hat sich entschieden, zu kämpfen. Wut, Frust und Zorn entladen sich an vielen Stellen im Gespräch. Gerechtigkeit solle hergestellt werden, das hat er sich zur Aufgabe gemacht.

Der Rodgauer wählte den Rechtsweg, klagte gegen die Private Krankenversicherung: „Ich nahm mir einen Anwalt, der beim Sozialgericht in Wiesbaden eine Klage einreichte - mit Prozesskostenhilfe. Es klingt fast unglaublich, aber ich musste länger als ein Jahr auf den ersten Verhandlungstermin warten. Der begutachtende Arzt des Universitätsklinikums Frankfurt sagte mir, dass man mich nicht nach meinem Krankheitsbild berufsunfähig hätte schreiben dürfen und die Krankenkasse die Pflicht gehabt hätte, mich nach einem halben Jahr nachbegutachten zu lassen.“ Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.

Finanziell am Abgrund

Sein heutiger Status: Finanziell steht er nach eigenen Angaben am Abgrund, er ist berufsfähig - aber arbeitsunfähig, seit 2012 bezieht er Hartz IV - die Arbeitsagentur bezahlt einen Teil seines PKV-Beitrags, ein „Fluchtversuch“ aus der Krankenversicherung unter das (Familienversicherungs-)Dach der gesetzlichen Krankenkasse seiner Ehefrau scheiterte. Was ihn besonders wurmt: „Ich darf bei keinen Maßnahmen der Arbeitsagentur teilnehmen und kann auch nicht im Arbeitsmarkt vermittelt werden.“

Plamper sieht sich nicht als Einzelkämpfer: „Ich glaube, viele Menschen in Deutschland haben Ähnliches erlebt. Ich werde gezwungen, bei einer Krankenkasse zu bleiben, die mich ruiniert hat und an die ich auch noch weiter bezahlen soll. Das ist unmöglich, das ist wie ein Pakt mit dem Teufel. Ich finde dies äußerst sittenwidrig, man sollte eine Verfassungsbeschwerde einreichen.“

Und Empfehlungen will er unbedingt weiter geben. Was der früher erfolgreiche Unternehmer - mit Blick auf seine Erfahrungen - allen Selbstständigen rät: 1. Krankentagegeld-Versicherung; 2. Berufsunfähigkeitsversicherung; 3. Rechtsschutzversicherung.

Quelle: op-online.de

Kommentare