Spaziergang durch Architekturgeschichte

Bausubstanz aus sieben Jahrzehnten

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Das älteste Haus in Rollwald: Die „Taverne Alt-Athen“ befindet sich in einem Teil des ehemaligen Arrestgebäudes.

Rollwald - Sieben Jahrzehnte Baugeschichte kann man in Rollwald während eines kleinen Spaziergangs erleben: vom ehemaligen Arrestgebäude bis zu den neuen Doppelhäusern an der Elbe- und Moselstraße. Von Ekkehard Wolf

Das älteste Haus ist fast 75 Jahre alt. Die „Taverne Alt-Athen“ in der Rhönstraße 19 befindet sich im ehemaligen Arresthaus des Strafgefangenenlagers Rollwald - dem einzigen Lager-Gebäude, das noch erhalten ist.

Mit etwas Phantasie kann man sich vorstellen, wie das Haus früher ausgesehen hat. Wenn man sich das Vordach und das dichte Grün der Pflanzen wegdenkt, bleibt ein einfacher, einstöckiger Bau mit einem wenig geneigten Satteldach. Ursprünglich war das Gebäude etwa doppelt so lang. Einen Eindruck davon erhält man, wenn man auf die andere Straßenseite geht und den Blick nach rechts wandern lässt: Neben einem höheren Wohnhaus geht der Flachbau weiter. Ursprünglich war er etwa 50 Meter lang.

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Baugeschichte in Rollwald

Das Architekturbüro Kollmenter und Fink, nur 80 Meter entfernt, hat den Neubau vor einigen Jahren geplant. „Es war schwierig, mit dem alten Bestand umzugehen“, erinnert sich Architekt Uwe Kollmenter. Die beste Lösung sei gewesen, den langen Baukörper durchzuschneiden.

Christos Karamitsos und seine „Taverne Alt-Athen“ gehen in Rollwald seit mehr als 20 Jahren zum Inventar. Doch das Lokal ist noch viel älter. Bereits 1950 richtete Johann Stelzmüller dort die erste Gaststätte ein, später kam eine Poststelle dazu. In dieser Gaststätte gründete sich 1954 der Schützenclub Gamsbock – der erste Verein mit Sitz in Rollwald. Als sich Stelzmüller zur Ruhe setzte, pachteten Theo und Emmi Detger das Lokal. Sie nannten es „Zur alten Post“. Ihre Nachfolger als Pächter waren die Eheleute Tiede, wie Rollwald-Sammler Werner Stolzenburg in seinem Buch zur Ausstellung „75 Jahre Rollwald“ berichtet.

Viele schöne Erinnerungen aus sechs Jahrzehnten verbinden sich mit diesem Lokal. Die Anfänge des Gebäudes waren weniger angenehm. Es wurde ursprünglich als Arrestbau des Lagers Rollwald errichtet. Gefangene, die es wagten, gegen die strenge Lagerordnung zu verstoßen, mussten dort bis zu vier Wochen Arrest absitzen. Die 60 Einzelzellen waren mit hölzernen Bettgestellen ausgestattet. Ihre Notdurft mussten die Häftlinge in einem Holzfass verrichten. Zu den Lagerstrafen gehörten auch „hartes Lager“ ohne Strohsack und Essensentzug (nur alle drei Tage gab es das karge Anstaltsessen, ansonsten Wasser, Brot und Ersatzkaffee). Mehr dazu ist im 400-Seiten-Buch „Das Lager Rollwald“ der Historikerin Dr. Heidi Fogel aus dem Jahr 2004 nachzulesen.

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Etwa ebenso alt wie das ehemalige Arrestgebäude sind die so genannten Beamtenhäuser an der Rhönstraße. Dort wohnten Aufseher mit ihren Familien außerhalb des Lagers. Strafgefangene mussten die kleinen Wohnhäuser errichten. Es gab zwei Haustypen, den „Typ Erbach“ und das „Rieselwärterhaus“. Insgesamt wurden 24 dieser Häuser gebaut, einige davon auch an der Straße nach Ober-Roden. Nicht alle sind erhalten geblieben. Ein Beispiel ist gegenüber der „Taverne Alt-Athen“ zu sehen. Dort mussten zwei frühere Beamtenhäuser einem Sechsfamilienhaus weichen.

Die Rollwald-Architekten Uwe Kollmenter und Marc Fink haben den Umbau einiger Beamtenhäuser begleitet. „Wir haben versucht, behutsam damit umzugehen“, berichtet Kollmenter. Das Architekturbüro habe sich bemüht, die vorhandene Geometrie zu erhalten und den Anbau in einer moderner Form davon abzusetzen. Die massive Bausubstanz der Beamtenhäuser sei besser als ihr Ruf. Sein städtebaulicher Kommentar: „Wenn irgendwann mal alles verschwunden ist, ist es sicherlich ein Verlust.“

Die so genannten Beamtenhäuser an der Rhönstraße wurden von Strafgefangenen errichtet. Charakteristisch sind die kleinen Fenster an der Seite, die dem Lager zugewandt war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg dienten zunächst auch die Holzbaracken des Lagers als Wohnraum. Anfang der 50-er Jahre entstanden die ersten Siedlerhäuser – nach heutigen Straßennamen Am Mühlfeldchen 1 bis 11 und Taunusstraße 2 bis 12. Als Bauträger an der Taunusstraße trat die Genossenschaft „Gewobag“ aus Frankfurt auf.

Das Flüchtlingswohnheim „Am Kreuzberg“ mit 28 Zimmern und Gemeinschaftsbad wurde 1958 fertig. Zwei Jahre später bezogen die ersten Sozialmieter den so genannten „Dieburger Block“ an der Straße „Zum Rauhen See“. Die Wohnblocks und das zentrale „Hochhaus“ prägen das Ortsbild Rollwalds noch heute – ebenso wie die Reihenhäuser am westlichen Ortsrand. Die Siedlungs- und Eigenbau-GmbH (SEG) aus Frankfurt errichtete Anfang der 60-er Jahre 87 Reihenhäuser. Die ersten Familien zogen 1961 ein. Seither hat sich die Siedlung Rollwald Zug um Zug erweitert. Vor allem östlich der Isarstraße kamen kleine Neubaugebiete hinzu, unter anderem der so genannte „Wohnpark Birkenwäldchen“ an der Moselstraße (1980). Das jüngste Wohnviertel zwischen Elbe- und Lahnstraße entstand vor wenigen Jahren auf dem ehemaligen Gelände der Firma Hillebrecht. Damit sind die Flächenreserven erschöpft.

Die Modernisierung geht weiter, wenn auch mit gebremstem Tempo. Alte Häuser werden abgerissen und durch Neubauten ersetzt. „Das wird eine stetige Weiterentwicklung“, sagt Architekt Uwe Kollmenter. Vom Bau der neuen Heilig-Kreuz-Kirche mit Gemeindezentrum erwartet er zwar noch einen Impuls für weitere Bauvorhaben, aber keinen großen Neubauschub: Die Bebauungspläne erlauben höchstens zwei Vollgeschosse plus Dachgeschoss, mehr nicht.

Quelle: op-online.de

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