Sammeln, sichten, sortieren

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Rudi Bischoff (rechts) und Otto Rücker bringen das Presse- und Fotoarchiv der TGM SV Jügesheim auf Vordermann. Dieses Jahr werden die zwei fleißigen Archivare damit wohl nicht fertig.

Jügesheim - (eh) Klebestift und Schere sind ihre wichtigsten Werkzeuge. Zusätzlich brauchen sie einen Schatz an Erinnerungen und manchmal den Spürsinn von Detektiven: Rudi Bischoff und Otto Rücker sind dabei, das Presse- und Fotoarchiv der TGM SV Jügesheim auf Vordermann zu bringen.

Seit Januar 2008 sitzen sie an dieser Arbeit. Jetzt ist Halbzeit. So genau weiß man das natürlich nie. Otto Rücker ist sich aber sicher: „Dieses Jahr werden wir nicht fertig.“

Viele aufschlussreiche Fotos, Zeitungsartikel und andere Erinnerungsstücke fördert die Arbeit im Archiv der TGM SV zu Tage. Unter anderem auch diesen Hinweis auf die Sportplatzeinweihung des Sportvereins im Juni des Jahres 1952.

Keine Woche vergeht, ohne dass mehrere Berichte über den Großverein in der Zeitung stehen. In den wenigen Jahren seit der Fusion haben sich große Mengen an Zeitungsausschnitten und Fotos angesammelt. Und ständig kommt altes und neues Material dazu. Das ist durchaus erwünscht. Rücker: „Wir nehmen, was wir kriegen können.“ Ein ehemaliger Abteilungsleiter bringt eine Kiste mit ungeordneten Zeitungsausschnitten, Erwin Kneißl kommt mit Farbfotos in zwei Klappalben, Inge Ries steuert Videokassetten von den Fastnachtssitzungen bei. Auch ältere Dokumente sind gefragt. Rudi Bischoff und Otto Rücker sind sich sicher, dass noch manche „Schätze“ in privaten Fotoalben, Ordnern oder Pappkartons schlummern.

„Sämtliche Festbücher, die wir gefunden haben, haben wir durchgearbeitet“,berichtet Rudi Bischoff. Die älteste Jubiläumsschrift im Archiv des Vereins stammt von 1928. Damals war die TGM 40 Jahre alt.

Die Vorstandsprotokolle brauchen die Archivare nicht zu sortieren. Sie sind fein säuberlich in Ordnern abgeheftet. Die Jahrgänge ab 1982 stehen griffbereit im Regal. Auch auf die Kassenbücher besteht jederzeit Zugriff im Rahmen der gesetzlichen Aufbewahrungsfristen. Doch zum Gedächtnis eines Vereins gehört mehr. Das Rentner-Duo hat sich zur Aufgabe gemacht, die ganze Vielfalt des Vereinslebens für die Nachwelt zu erhalten.

Das Sichten, Ordnen und Einkleben macht Spaß und weckt Erinnerungen. Dennoch müssen die ehrenamtlichen Archivare große Ausdauer mitbringen. Zeitungsausschnitte ohne Datum müssen anhand des Inhalts zeitlich einsortiert werden.

Noch schwieriger ist es, nach vielen Jahren festzustellen, wann ein bestimmtes Bild aufgenommen worden ist. Deshalb werden die Fotos zunächst nur grob nach Sportarten vorsortiert und landen in Faltschachteln - für jede Abteilung eine. Der Inhalt der Bilderkisten kommt erst an die Reihe, wenn die Presse-Ordner fertig sind.

Alle zwei bis drei Wochen breiten die beiden Senioren im Vorstandszimmer der TGM SV ihre Papiere aus. Dann verteilen sie die Aufgaben, die sie bis zum nächsten Treffen in Heimarbeit erledigen. Der ehemalige Fußballer Otto Rücker und der langjährige Langstreckenläufer Rudi Bischoff kommen gut voran, dennoch richtet sich ihr Ehrgeiz mehr auf Qualität als auf Schnelligkeit. „Nur kein Stress“,sagt Bischoff. „Wir machen's ja aus Freude.“

Rudi Bischoff hat am Computer sogar die Kurzchroniken der Turngemeinde und des Sportvereins zusammengefügt. Auf einen Blick kann man nachvollziehen, wie sich beide Vereine entwickelt haben - zu einer Zeit, als noch niemand an einen Zusammenschluss dachte.

Bei ihrer Arbeit fallen den Archivaren auch manche Raritäten in die Hände: Ein Gruppenbild vom Turnfest 1923, die Helfer-Einteilung vom Jubiläum 1963, uralte Noten des Spielmannszuges oder Ausflugsfotos der ehemaligen Handballabteilung.

Aus den Unterlagen von Hans Grimm ist noch ein Brief von 1941 erhalten, in dem die NSDAP aus Wiesbaden dem Sportverein Jügesheim vorwirft, dass ein Spieler zu Unrecht an einer Meisterschaft teilgenommen habe. Das Versäumnis des Fußballers bestand darin, dass er nicht lückenlos dem vorgeschriebenen Zweig der Hitlerjugend angehörte: Statt in der „Stamm-HJ“ war er zeitweise in der „Pflicht-HJ“.

Ein Archiv kann nur solche Erinnerungen bewahren, die auch aufgeschrieben sind. Alles andere wird irgendwann in der Vergessenheit versinken. Beim Einkleben der Zeitungsausschnitte erzählt Rudi Bischoff, wie er 1947/48 als junger Mann von Haus zu Haus ging, um die Mitgliedsbeiträge zu kassieren: 30 Pfennig pro Monat. Die TGM hatte damals um die 300 Mitglieder. „Dafür habe ich drei Samstage gebraucht, einen Samstag hatte ich frei“,berichtet der ehemalige Kassierer nun sechs Jahrzehnte später.

So könnte er sicher noch viel erzählen, aber aufschreiben will er es vorerst nicht. Viel wichtiger ist ihm, sein im Computer angesammeltes Privatarchiv bald einmal an den Verein zu überspielen: „Wenn mir mal etwas passiert, weiß ja sonst keiner, wo es ist.“

Quelle: op-online.de

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