Wenn das Konto tief im Minus ist

Rodgau - Trotz einer weitgehend guten konjunkturellen Entwicklung in Deutschland in den vergangenen Jahren und einer Belebung auf dem Arbeitsmarkt rutschen immer noch viele Menschen in die Privatinsolvenz. Von Marc Kuhn

„Die Lage hat sich nicht spürbar entspannt“, sagt Matthias Klusmann in Rodgau unserer Zeitung. Vor allem wegen einer Scheidung, aber auch aufgrund von Krankheiten und Arbeitslosigkeit ereilt die Menschen das Schicksal der Zahlungsunfähigkeit. In Rodgau und Dreieich hat die Schuldnerhilfe Hessen e. V. jetzt Niederlassungen eröffnet. Er sei zuständig für das Revier „Südhessen“, erklärt Klusmann. Bisher hat der 1999 gegründete Verein Büros in Fulda, Gelnhausen und Kassel. „Wir zeigen privaten Schuldnern und Gewerbetreibenden Wege auf, wie sie möglichst schnell und unter Vermeidung einer Insolvenz aus den Schulden rauskommen“, berichtet Klusmann.

In Deutschland ist die Zahl der verschuldeten Privathaushalte im vergangenen Jahr minimal um rund 80.000 auf 6,4 Millionen Betroffene gefallen, wie die Auskunftei Creditreform erläutert. 9,4 Prozent aller Deutschen seien überschuldet. In der Stadt Offenbach sei die Zahl der verschuldeten Menschen 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 920 auf gut 23.190 Betroffene gestiegen. Von 2009 auf 2010 seien noch 2 240 zusätzliche Menschen registriert worden, die in die Verschuldungsfalle geraten seien, erklärt die Creditreform Offenbach.

Experten unterstützen vor allem Privatleute

Klusmann verweist auf die erfolgreiche Arbeit der Schuldenhilfe Hessen. Er zitiert deshalb aus einem Schreiben, das das Bundesjustizministerium im vergangenen Jahr an den Vorsitzenden des Vereins, Michael Menzel, geschrieben hatte: „Sie erzielen im Schuldenbereinigungsverfahren eine beeindruckende Erfolgsquote.“

Der Verein zählt etwa 500 Mitglieder. Das Rechtsdienstleistungsgesetz schreibe vor, dass der Verein nur Mitglieder beraten dürfe, sagt Klusmann, der auch Vizepräsident des Bundesverbandes Selbstständiger Schuldnerberater e. V. ist. Rund 80 Prozent der Mandanten seien Privatleute. Die Betreuung dauere meist sechs Monate. Dann sei das Problem gelöst oder ein Treuhänder übernehme den in die Insolvenz geratenen Fall, erklärt Klusmann. Der Schuldnerhilfeverein nehme einen Festpreis von maximal 1 200 Euro von den verschuldeten Menschen in Form von Ratenzahlungen. Die meisten würden mit einem fünfstelligen Betrag in der Kreide stehen. Das Spektrum der Mandanten reiche von der Schülerin, die wegen ihres Handys in die Schulden geraten sei und natürlich keine 1 200 Euro zahlen müsse, bis zum Millionen-Schuldner, erklärt Klusmann.

Kreditvergabe der Banken kritisiert

Er gibt den Banken zumindest eine Mitschuld an der Situation zahlreicher Betroffener. Bei kleineren Krediten würden sie nicht so genau hinschauen. „Man macht es den Leuten zu leicht“, kritisiert der Fachmann.

Sind sie in die Bredouille geraten, bemüht sich der Hilfsverein zunächst um ein außergerichtliches Schuldenbereinigungsverfahren. In der Regel würde es mit einem Vergleich enden, sagt Klusmann. Im Durchschnitt erhalte der Gläubiger aber nur 25 Prozent seiner Ansprüche, erklärt Klusmann unter Berufung auf seine Akten aus den vergangenen Monaten. Das Problem: Wenn einer von mehreren Gläubigern nein sagt, „ist das Ding geplatzt“, erklärt Klusmann. Bei dem dann folgenden gerichtlichen Schuldenbereinigungsverfahren muss sich mehr als die Hälfte der Gläubiger gegen die Übereinkunft aussprechen, damit es scheitert. Deshalb gebe es bei diesem Verfahren eine hohe Erfolgsquote, berichtet der Berater. „Wir versuchen alles, damit der Schuldner nicht in die Insolvenz kommt.“ Klusmann sieht in den beiden Schuldenbereinigungsverfahren eine „elegante“ Alternative zur Privatinsolvenz. Schließlich stehe ein überschuldeter Bürger in diesem Fall in der Wohlverhaltensphase sechs Jahre unter der Aufsicht eines Treuhänders.

Quelle: op-online.de

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