Schwein im Glück

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Ein Bauchgurt für das Borstentier: Ulrike Pachzelt (Mitte) und Kristine Dietz brachten das Ferkel von Metzger Stefan Siegler vor vier Jahren ins Tierheim Rüsselsheim. Nun ist es zu einem stattlichen Schwein herangewachsen und fühlt sich dem Vernehmen nach bei Schweinfurt sauwohl.

Dudenhofen - Schwein gehabt! Ein Ferkel läuft seinem Metzger davon, wird von Polizisten eingefangen und landet nicht am Spieß, sondern im Tierheim. Kein Scherz: Die Geschichte ist wahr. Von Ekkehard Wolf

Und sie ist saustark – denn das Ferkel hat sich nun zu einem stattlichen Hausschwein herangefuttert. Es lebt auf einem Biohof bei Schweinfurt und fühlt sich sauwohl.

Sechs Wochen jung und noch nicht der Mutterbrust entwöhnt: Das Fleisch von Spanferkeln ist so zart wie ihr Alter – und deshalb werden sie auch nicht älter. Für Metzgermeister Stefan Siegler war das namenlose Ferkel eines von vielen, bis es ihm auf den letzten Metern zur Schlachtbank entwischte. Das war am 7. Dezember 2007, einem Donnerstag. Das Ferkel nutzte den kurzen Moment, in dem das Gatter umgestellt wurde, und zischte ab wie Rennschwein Rudi Rüssel. Der Bauer spurtete hinterher, gab die Verfolgung aber bald auf. Zu früh, wie sich später herausstellte. Das rosarote Tier verirrte sich sogar auf die Bundesstraße und machte als „Wildschwein auf der B 45“ im Verkehrsfunk Karriere, bevor es auf seiner halsbrecherischen Flucht an einem Zaun am Niederwiesenring hängen blieb. Zwei Polizisten verhafteten es in strömendem Regen unter einem Plastikkübel, in dem man sonst Beton anrührt.

Das „Ferkel auf Abwegen“ machte Schlagzeilen. Die Folge: Rund 20 Menschen erkundigten sich in der Metzgerei, wie es dem kleinen Kerl denn nun nach all der Aufregung gehe. Dieses Mitgefühl rührte auch Stefan Siegler: „Ein Tier, das um sein Leben rennt, gehört auf keinen Teller.“ Ulrike Pachzelt von der Igel-Insel Mühlheim brachte das Schweinchen wenige Tage später ins Tierheim Rüsselsheim. Dort konnte es nach Herzenslust rüsseln. Gekochte Kartoffeln, Bananen und Hundefutter standen zunächst auf dem Speiseplan.

Ein Happy-End für das Schwein im Glück?

Ein Happy-End für das Schwein im Glück? Wir haben nachgefragt: Was ist aus dem Tier geworden? Nach vier Jahren ist die Spurensuche schwierig. Nicole Sacher vom Tierschutzverein Rüsselsheim erinnert sich an das Ferkel und weiß, dass es zusammen mit einem Wildschwein „irgendwo östlich von Hessen“ sein Gnadenbrot fristet. Aber wo, kann sie zunächst nicht sagen: „Die Plätze für Schweine sind leider sehr knapp bemessen.“ Zwei Wochen lang bemüht sich Nicole Sacher um verlässliche Informationen. Dann endlich erreicht sie Tierschützerin Gabi Schmidt, die damals sogar im Tierheim wohnte, um sich um kranke Wildtiere zu kümmern. „Dem Schwein geht es gut“, weiß Schmidt. Dann erzählt sie von einem kleinen Wildschwein, dessen Mutter im Frühjahr 2008 bei Rüsselsheim vom Auto überfahren wurde. Eine Woche später gelang es ihr, beide Paarhufer in gute Hände abzugeben. Das junge Hausschwein hatte inzwischen etwa die Dimension erreicht, die man gemeinhin als „schlachtreif“ bezeichnet. Mit sechs Monaten und rund 100 Kilogramm kommen Schweine in der Regel unters Messer. Wenn man sie leben lässt, können sie zwölf Jahre alt werden.

Das Glücksschwein aus Dudenhofen lebt nun auf einem Biohof in der Nähe von Schweinfurt. Nicht nur der Name der Stadt passt genau. Das Tier muss auch nicht befürchten, irgendwann als Bio-Schinken zu enden. Denn dem Bauern und seiner Familie ist Fleisch einfach „wurstegal“: Sie sind Vegetarier. „Das war auch ein Grund, warum ich sie ausgewählt habe“, erzählt Gabi Schmidt, die den neuen Lebensraum für das Glücksschwein aus Dudenhofen durch Mundpropaganda gefunden hat: „Ich mache Tierschutz seit über 30 Jahren, da lernt man jede Menge Leute kennen.“ Zu diesen Bekannten zählt auch Petra Simon mit ihrer Wildtierauffangstation in Dudenhofen. So klein ist die Welt!

Quelle: op-online.de

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