Begleitung im Alltag

Seniorenbetreuer wie Gunnar Schütz entlasten die Angehörigen

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Pflegerische oder gar medizinische Arbeiten darf Alltagsbegleiter Gunnar Schütz (rechts) nicht übernehmen. Aber vorlesen, unterhalten und mehr bereichern den Alltag seiner Klienten. Fast jeden Tag liest er Helga Jörg (links) aus unserer Zeitung vor.

Rodgau - Die Entlastung von Angehörigen und Pflegepersonal wird in unserer alternden Gesellschaft immer wichtiger. Gunnar Schütz hat sich als Alltagsbegleiter von Senioren selbstständig gemacht. Von Bernhard Pelka

Wir haben ihn bei einer Klientin in der Nieder-Röder K+S Seniorenresidenz besucht. Behutsam zieht Gunnar Schütz Helga Jörg die Jacke an. Dann noch eine Mütze und Handschuhe. Die Dame im Rollstuhl darf auf keinen Fall frieren. „Jetzt eine Decke über die Beine, dann sind Sie gut eingepackt für unseren Spaziergang“, sagt Schütz aufmunternd. „Tempos, Labello“, erinnert Helga Jörg ihren Begleiter noch an wichtige Dinge, die bei dem kurzen Ausflug von der Seniorenresidenz zum Puiseauxplatz nicht fehlen dürfen. Seit die 77-Jährige an Parkinson leidet, sind ihr vollständige Sätze so gut wie unmöglich. Trotzdem weiß sie natürlich ganz genau, was sie möchte. Und das artikuliert sie dann auch – kurz und bündig. Raus aus dem Ein-Zimmer-Appartement im ersten Stock, rein in den Aufzug, runter ins Erdgeschoss. Am Ausgang noch ein kurzes „Bis später!“ zu den Mitbewohnern, die dort warten – und der Spaziergang kann losgehen. Die frische Luft möchte Helga Jörg auf keinen Fall missen. Selbst wenn es Minusgrade hat.

Früher wanderte die einst sportliche Frau sehr gern. Auch fuhr sie regelmäßig zum Schwimmen nach Bad Soden und machte nach der Arbeit als Buchhalterin in einem Frankfurter Steuerbüro am Abend noch Gymnastik im Verein. Das Alter und die Krankheit erlauben dies nun nicht mehr. Aber wenigstens raus will sie. Und das möglichst jeden Tag. In ihrem Zimmer gibt es viele Erinnerungen an zuhause. Zu den Momentaufnahmen aus einem langen und erfüllten Leben gehören alte Gemälde, eine Wäschetruhe aus dem früheren Schlafzimmer, Gute-Laune-Fotos mit den Söhnen Peter und Andreas, Schnappschüsse von den Enkeln und – natürlich – viele Puppen. Denn die hat Helga Jörg schon immer leidenschaftlich gern gesammelt. Wie Zuschauer sitzen sie jetzt auf auf kleinen Regalen an der Wand ihres Zimmers.

Im Seniorensportpark gegenüber der K+S-Residenz drehen Gunnar Schütz und seine Kundin in kleinen Trippelschritten eine Runde um die Bewegungsgeräte. Dann geht es weiter im Rollstuhl zum Puiseauxplatz. Den Alltagsbegleiter aus Seligenstadt kennen zumindest Gastronomen und Vereinsmenschen in unserer Region eigentlich als Repräsentanten, Prokuristen und Braumeister der Glaabsbräu. Mit 52 Jahren sagte sich Schütz aber: „Das soll’s nicht gewesen sein in meinem Berufsleben.“ Er suchte eine neue Aufgabe, die ihn „emotional mehr erfüllt“, wie er sagt – und sattelte komplett um.

Erster Eindruck zählt - Das richtige Pflegeheim finden

„Mit alten Menschen konnte ich schon immer gut umgehen. Außerdem ist meine Arbeit ein Wachstumsmarkt, der Zukunft hat“, begründet er seine Entscheidung, sich mit der „vivacus Seniorenbetreuung“ selbstständig zu machen. Die Erfahrungen während eines Praktikums in einem Altenpflegeheim in Mainhausen und die Ausbildung zum Alltagsbegleiter bei den Johannitern bestärkten ihn. Seit Juni ist Gunnar Schütz nun beruflich sein eigener Herr. Inzwischen hat er fünf Mitarbeiterinnen, die ebenfalls Senioren begleiten. Überwiegend geschieht dies zuhause, um die Angehörigen zu entlasten. Zu Helga Jörg aber kommt der Seniorenbetreuer fünfmal die Woche in die K+S Seniorenresidenz. Nicht, dass dort kein Programm stattfinden würde für die Bewohner. „Das Gegenteil ist der Fall“, sagt Schütz. „Aber die Familie wollte eine Betreuung über das hinaus, was angeboten wird.“

Begleitung zum Arzt, zum Gottesdienst in die Kirche, zum Einkauf im Supermarkt beim Friedhofsgang, zu Veranstaltungen, zum Friseur, vorlesen, spielen, unterhalten, mal ins Café gehen: das alles gehört zu den Aufgaben von Gunnar Schütz, damit der Alltag seiner Klienten etwas leichter wird. Seinen mutigen und riskanten Schritt in die Selbstständigkeit hat er noch keine Minute lang bereut. „Meine neue Aufgabe gibt mir sehr viel. Ich würde es jederzeit wieder so machen.“

Quelle: op-online.de

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