Streit eskaliert: „Kanakenschlampe“ und Hitlergruß

Sohn von Radost Bokel im Supermarkt diskriminiert

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Rodgau/Berlin - Die in Rodgau lebende Schauspielerin Radost Bokel (bekannt durch ihre Rolle als "Momo") muss ihren siebenjährigen Sohn eigenen Angaben zufolge immer wieder gegen rassistische Beleidigungen verteidigen. Von Bernhard Pelka und Simone Weil

Ein krasser und besonders hässlicher Fall von Diskriminierung und brauner Gesinnung rüttelt am beschaulichen Image von Rodgau. Wer bisher dachte, die Herabwürdigung Anderer spiele im ländlichen Bereich keine große Rolle, der wird eines Schlechteren belehrt. Betroffen sind die Schauspielerin Radost Bokel und deren Sohn Tyler (7). Die in Rodgau lebende Schauspielerin muss ihren siebenjährigen Sohn immer wieder gegen rassistische Beleidigungen verteidigen.

Erst kürzlich habe eine Kundin in einem Rodgauer Supermarkt den Jungen aufgrund seiner Hautfarbe diskriminiert, Bokel als „Kanakenschlampe“ beschimpft und ihr den Hitlergruß gezeigt, sagte die 41-Jährige unserer Zeitung. Tyler habe sich an der Selbstbedienungstheke mit Backwaren einen Kreppel genommen, um ihn auf dem Weg zur Kasse zu essen. „Bezahlt wird das natürlich immer, aber er beißt halt nur vorher schon mal rein“, schildert Bokel die Situation. Eine Kundin sei darauf aufmerksam geworden und habe den Kleinen barsch angeherrscht mit den Worten: „Das muss aber auch bezahlt werden.“ Bokel entgegnete der Frau, sie solle sich da mal bloß keine Sorgen machen. Danach eskalierte das Ganze: „Die Kundin sagte, nicht alles in Deutschland sei kostenlos, beschimpfte mich als Kanakenschlampe und zeigte mir den Hitlergruß. Für mich hat das etwas mit dem Aussehen meines Sohnes zu tun, sonst wäre es erst gar nicht zu dieser Beleidigung gekommen.“

Der Vater des Kindes ist der farbige US-Sänger Tyler Woods, von dem sich Bokel 2015 hatte scheiden lassen. Die Schauspielerin, die seit 2012 in Rodgau lebt, hat bulgarische Wurzeln. Sie habe das Gefühl, dass derzeit ein „Rechtsruck“ durch Deutschland gehe. „Anfeindungen gab es schon immer. Ich bin in Frankfurt aufgewachsen, mein Freundeskreis ist multikulti, daher kenne ich das. Aber die Anfeindungen gehen den Leuten heute leichter über die Lippen.“ Ihre Einschätzung teilt Dr. Rudolf Ostermann, Vorsitzender des Vereins für multinationale Verständigung Rodgau e.V. (munaVeRo). „Das empfindet sie richtig, dieses Verhalten wird immer schlimmer.“ Es komme nicht von ungefähr, dass munaVeRo als Rodgauer Partner im Bündnis „Bunt statt braun in Stadt und Kreis Offenbach“ in der kommenden Woche einen Informationsaustausch von Organisationen ausrichte, die sich in südhessischen Kommunen für Vielfalt und Toleranz, und gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung einsetzen.

Das Bündnis hatte sich 2012 nach der Aufdeckung der NSU-Morde gegründet. Das rechte Spektrum mache Fremdenfeindlichkeit und längst überwunden geglaubtes rechtes Gedankengut sowie Begriffe der NS-Zeit bedenken- und schamlos wieder salonfähig, stellt Ostermann alarmiert fest. Deswegen „müssen wir alle mehr Farbe bekennen und Gesicht zeigen“, fordert der munaVeRo-Vorsitzende. „Man darf dazu nicht mehr schweigen.“ Der Erste Stadtrat und Sozialdezernent Michael Schüßler hat für den Vorgang im Supermarkt nur eine einzige Vokabel: „abscheulich!“. Von einem Ruck ausschließlich nach rechts mag er aber nicht sprechen. Die Verrohung der Gesellschaft sei auch ein linkes Phänomen. Generell werde „die Konversation mit Bürgern härter“.

Das erlebe zum Beispiel die städtische Ordnungspolizei täglich. Mitverantwortlich dafür seinen Meinungsmacher wie US-Präsident Donald Trump. Denn der mache Beleidigungen, Lügen und Verunglimpfungen durch sein Verhalten nicht nur salonfähig, sondern sogar „präsidial“. Dies sei „gefährlich, weil sich die Menschen immer Vorbilder suchen“. Alles, was bisher Wertekonsens war, werde derzeit „mit Absicht mit Füßen getreten“, sagte Schüßler mit Blick auf die Tiraden und Nazi-Vergleiche des türkischen Staatspräsidenten Erdogan. Eine ähnliche Position vertritt der Ausländerbeiratsvorsitzende Göksal Arslan. Er erklärte sich solidarisch mit Radost Bokel und ihrem Sohn und verurteilte den Vorfall – wie Schüßler – aufs Schärfste. Gibt es einen Rechtsruck? „Ja, mit Sicherheit“, sagt Arslan. Leute, die schon immer solche Gedanken hatten, sähen sich zum Beispiel durch Talkshows bestätigt, bei denen Rechtspopulisten fast täglich Dinge sagen dürfen, „die vor zehn Jahren noch unmöglich waren“. Der Ausländerbeiratsvorsitzende appelliert an die politischen Meinungsführer, sich „im Stimmungsmachen nicht zu überbieten“.

Quelle: op-online.de

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