S-Bahn-Jubiläum

Rodgau-Express macht Dampf

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Als Heizer muss Thomas Spielvogel alle paar Minuten Kohlen nachlegen.

Rodgau - Ein seltener Anblick lockte gestern viele Schaulustige an die S-Bahn-Strecke und auf die Bahnsteige: Zum Jubiläum „Zehn Jahre S-Bahn“ erinnerte die Museumseisenbahn Hanau daran, wie Bahnfahren früher war.

An der Spitze des Sonderzuges: eine Dampflok der Baureihe 50, das Prunkstück des Vereins. Schwarz, eng und warm ist es auf dem Führerstand der 50 3552-2. Lokführer André Labes drückt kräftig eine Hebelstange hinunter. Ein ohrenbetäubender Pfiff tutet vorne aus der Lok hervor. Ein paar Zuschauer auf dem Bahnsteig springen vor Schreck zur Seite. Der Lokführer zieht an einem weiteren Hebel, dreht ein rotes Handrad. Fauchend und ruckelnd setzt sich das schwere Fahrzeug in Bewegung.

Russische Steinkohle für den Kessel

Jetzt kommt die große Stunde des Heizers. Schon während der Standzeit auf dem Bahnhof hat er immer mal wieder ein paar Schaufeln Kohle nachgelegt. Jetzt schaufelt er öfter - je nach Tempo beinahe im Minutentakt. Der Dampfdruck im Kessel darf nicht unter 14 Bar sinken. Thomas Spielvogel fährt seit zwei Jahren als Heizer auf der Dampflok mit: freiwillig und ohne Bezahlung wie alle anderen. Am Abend wird er jeden Muskel spüren. Die schwere Lokomotive verbraucht etwa 1,5 bis zwei Tonnen Kohle auf 100 Kilometer. „Es ist russische Steinkohle. Die ist etwas teurer, brennt aber auch länger“, sagt Axel Karl, der zweite Vorsitzende des Museumseisenbahn-Vereins.

Dampfross aus der Nähe: Das stählerne Ungetüm wiegt 88 Tonnen und bringt es auf eine Leistung von bis zu 1760 PS.

Noch ein dritter Mann ist im Führerstand: ein Lotse, der aus dem Fenster schaut. Denn bei all den Hebeln, Drehventilen und Messinstrumenten, die es zu bedienen und zu beachten gibt, kann der Lokführer nicht ständig auf die Strecke schauen. Mal abgesehen davon, dass er durch sein kleines Fenster nicht allzu viel sieht: Der große Kessel schränkt das Sichtfeld ein. Die Bewegungen von André Labes wirken routiniert wie nach vielen Jahren Erfahrung. Kein Wunder: Lokführer zu sein ist nicht nur sein Hobby, sondern auch sein Beruf. Die Dampflok steuert er in seiner Freizeit aus Begeisterung für die alte Technik. Den Verein „Museumseisenbahn Hanau“ lenkt er als Vorsitzender.

Dampflok zum Jubiläum: Bilder

Dampflok zum Jubiläum

Etwa zwei Dutzend Ehrenamtliche tun im Sonderzug Dienst: als Schaffner, zur Türsicherung oder im Büfettwagen. Von den 298 Sitzplätzen sind bei der ersten Fahrt noch viele frei. Wie viele Fahrgäste braucht der Verein, um auf seine Kosten zu kommen? „Volle Züge sind am besten“, lacht Vize-Vorsitzender Axel Karl aus Jügesheim. Vom Fahrkarten-Erlös bezahlt der Verein nicht nur die Kohle, sondern auch die Nutzung der Bahnstrecke (etwa drei Euro je gefahrenen Kilometer) sowie Wartung und Instandhaltung der Fahrzeuge. Alle drei Jahre ist die Untersuchung des Dampfkessels fällig: 60 000 Euro hat der Verein in diesem Jahr dafür hingeblättert. Die Hauptuntersuchung der ganzen Lok kostet mindestens 140 000 Euro. Axel Karl: „Die Lok ist jetzt 71 Jahre alt, da geht auch mal was kaputt.“

Die Fahrgäste müssen sich über solche Fragen keine Sorgen machen. Sie genießen die Reise auf den breiten Sitzbänken mit braun genarbtem Kunststoffbezug und klettern über die Freiluft-Plattform in den Büfettwagen. Eben ganz wie früher. Auch der kleine Eisenbahnfan Luk Braunbeck (5) aus Kahl kann sich für diese Art des Reisens erwärmen: „Es ist nur ein bisschen hubbelig.“

(eh)

Jubiläum mit Dampf

Quelle: op-online.de

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