Ein Spiel mit der Zeit

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„Ich bin Bibigirl, die perfekte Puppe“: Lea-Marie Schmitz verkörpert ihre Rolle mit großer Körperbeherrschung. Momo (Lena Sarbu) kann mit künstlichem Spielzeug nichts anfangen.

Nieder-Roden ‐ So gute Sicht hatten Theaterbesucher im Bürgerhaus Nieder-Roden noch nie. Die Theatergruppe „Großes Welttheater“ hat das Bürgerhaus in eine Art Amphitheater verwandelt. Von Ekkehard Wolf

Die Schauspieler agieren auf einer Treppe – und gegenüber sitzen die Zuschauer ebenfalls in ansteigenden Reihen. Die Handwerker des Vereins haben wieder mal ganze Arbeit geleistet.

Das Bühnenbild wirkt zunächst spartanisch: Eine Treppe, seitlich ein Podest, ein paar graue Felsbrocken, eine weiß bespannte Wand im Hintergrund. Der weiße Stoff gewinnt im Lauf des Stücks an Farbe und Bewegung. Er dient als Projektionsfläche für wechselnde Bilder und Videofilme. Die Beamer-Technik ist die Achillesferse des ganzen Projekts, denn ein guter Teil der Inszenierung verlässt sich auf die Projektionen.

Bilder von der Aufführung

„Großes Welttheater“ zeigt Momo

Noch bei der Generalprobe am Donnerstag hatten die Herren über Licht und Ton mit den Tücken der Technik zu kämpfen. Kein Wunder, schließlich hatten sie erst am Tag zuvor mit dem Aufbau beginnen können. Bühnenbildner Walter Stolz: „Am Dienstag war hier noch Blutspende.“

Und nun also „Momo“. Erstmals spielen Kinder bei der Welttheatergruppe nicht nur als Statisten mit, sondern in tragenden Rollen. Hauptdarstellerin Lena Sarbu ist für das Ensemble ein Glücksgriff, ihre Schwester Sophia als Schildkröte Kassiopeia ebenso. Auch bei den anderen Kindern, die meist als Gruppe auftreten, werden überzeugende Einzelleistungen sichtbar. Dem Regieteam aus Melanie Wörner (einer gelernten Erzieherin) und Günter Seebäck gelingt es nicht nur, die muntere Rasselbande zu bändigen, sondern auch Talente herauszukitzeln. Ein Beispiel dafür ist Lea-Marie Schmitz: Sie spielt die Puppe „Bibigirl“ mit solcher Körperbeherrschung, dass man wirklich meint, die perfekte Puppe vor sich zu haben.

„Die Zeit ist das Leben und das Leben wohnt im Herzen“

„Momo“ ist kein reines Kinder- und Jugendstück. Autor Michael Ende hat 1973 einen „Erwachsenenstoff“ so erzählt, dass ihn auch junge Leser verstehen können. Die „grauen Herren“ verkörpern die Zivilisation, die den Menschen die Zeit stiehlt. Das, was wirklich wichtig ist, geht dabei verloren: Liebe und Phantasie. Immer schneller läuft die Uhr auf der Leinwand, bevor Momo mit ihrer Stundenblume versucht, den Stillstand der Zeit umzukehren. Eine Stunde kann unendlich wertvoll sein, je nachdem, wie man sie verbringt...

Meister Hora (gespielt von Hans Bär) betont diese Allegorie. „Die Zeit ist das Leben und das Leben wohnt im Herzen“, sagt er in der Schlussszene. Dabei lässt er offen, ob Momos Geschichte schon geschehen ist oder erst noch passieren wird: „Ob Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft – für mich ist das kein großer Unterschied.“

Beeindruckende, bisweilen beklemmende Bilder

Beeindruckende, bisweilen beklemmende Bilder hat die Welttheatergruppe für „Momo“ gefunden. Dazu gehören die Kinder im Kinderdepot, die gleichgeschalteten Erwachsenen im Schnellrestaurant und eine Szene, in der die grauen Herren Momo bedrängen, nachdem sie ihr alle Freunde geraubt haben.

Den Gegenpol bilden die kraftvolle Lebendigkeit des Maurers (Manfred Krapp), des Straßenkehrers (Günter Ullmer) und der Wirtsleute (Silvia Radtke, Stefan Wodarz). Einen Mittler zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt verkörpert der Fremdenführer Gigi, dessen Rolle Bettina Hartmann erst vor knapp vier Wochen als Krankheitsvertretung übernommen hat. Ihr Gutenachtlied zur Gitarre für Momo ist eine der anrührendsten Szenen des Abends.

Quelle: op-online.de

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