Sport Manus gibt auf

Jugend will Erlebnis-Shopping oder kauft online

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Mädchen mit Zöpfen und Jungen in Lederhosen stürmen im Jahr 1970 in das Sport- und Spielwarengeschäft an der Schulstraße.

Nieder-Roden - Das älteste Rodgauer Sportfachgeschäft hört auf. Aus Altersgründen, wie es offiziell heißt. Im Gespräch mit unserer Zeitung wird Otto Manus (68) deutlicher: „Es lohnt sich nicht mehr. In den letzten Jahren haben wir von der Substanz gelebt.“ Von Ekkehard Wolf

Er erzählt vom Strukturwandel im Einzelhandel und von der Stadtentwicklung Nieder-Rodens. Seit seiner Kindheit lebt Otto Manus mit dem Sportgeschäft. Seine Eltern Christian und Irma Manus hatten das Geschäft 1945 kurz nach seiner Geburt aufgemacht. Damals war Nieder-Roden viel kleiner als heute. Der Laden in der Schulstraße 27 lag mitten im Ort. Ein Schwarzweißfoto aus dem Jahr 1970 zeigt viele Schulkinder mit ledernen Ranzen, die durch die Ladentür stürmen. Das Fachgeschäft feierte sein 25-jähriges Bestehen und die Schule (heute: Kita Turmstraße) war gleich nebenan.

Noch im gleichen Jahr zog Sport Manus vom alten Ort in die aufstrebende Gartenstadt um. Die neue Adresse: Görlitzer Straße 3. Die Geschäfte liefen so gut, dass man 1985 die Räume erweitern musste. „Zur Eröffnung waren 500 Leute da“, erinnert sich Otto Manus.

Aktionen wie Carrera-Stadtmeisterschaften

Auf der vierspurigen Carrera-Bahn wurden spannende Stadtmeisterschaften ausgetragen.

Aktionen wie die Carrera-Stadtmeisterschaften lockten viele Menschen an. Die „Piloten“ an der Fernbedienung und die Zuschauer fühlten sich an der Mini-Rennbahn fast wie bei der Formel 1. „Das waren Zeiten, als man als Einzelhändler mit ein bisschen Kreativität noch etwas erreichen konnte“, blickt Otto Manus zurück. Auch bei Aufträgen der öffentlichen Hand hatte der Einzelhandel eine Chance: Manus lieferte Jahr für Jahr 200 bis 250 Schulranzen für die Kinder im damaligen Flüchtlingsheim in Mühlheim.

Solche Großaufträge sind selten geworden. „In diesem Jahr habe ich dem Rodgau-Lauftreff 80 Windjacken für den Ultramarathon verkauft“, freut sich Otto Manus. Die Handballer der HSG Nieder-Roden bestellte 250 Trainingsanzüge zu einem fairen Preis. Gute Kontakte zwischen Sportvereinen und dem örtlichen Fachgeschäft nützen beiden Seiten. Es ist ein Geben und Nehmen: Otto Manus engagiert sich nebenher als Pressesprecher für die Handballer, seine erwachsenen Kinder Eva-Maria und Michael sind beim RLT aktiv.

Treue Stammkunden und Vereine

Doch von treuen Stammkunden und Vereinen allein kann ein Fachgeschäft nicht leben, wenn die Laufkundschaft wegbleibt. Der Strukturwandel des Einzelhandels findet auch in Nieder-Roden seine Opfer. „Die jungen Leute suchen Erlebnis-Shopping wie bei Hollister oder kaufen direkt im Internet“, weiß Otto Manus. „Am Schluss ist der Verbraucher der Dumme. Aber er besiegt sich ja selbst.“

Auch die Fokussierung auf das Spezialgebiet der Sportschuhe half auf Dauer nicht. Eine Zeit lang traf sich die Läuferszene der Region an der Görlitzer Straße. Doch dann kam den Herstellern die Idee, ihr Schuhwerk in mehreren Farben anzubieten. Jedes Modell musste nun in jeder Größe und jedem Farbton vorrätig sein - aussichtslos!

„Es geht nur noch über die Fläche“

Otto Manus zieht neue Saiten auf. Tennis- oder Badmintonspieler können ihm auch künftig ihre Schläger bringen. Die Lotto-Annahme bleibt ebenfalls bestehen.

„Es geht nur noch über die Fläche“, sagt Otto Manus: „Wir brauchen Fläche, um in den einzelnen Sortimenten in die Tiefe zu gehen. Wir hätten uns vergrößern müssen. Aber dazu war ich nicht mehr bereit.“

Die Geschichte des Sportgeschäfts ist für ihn auch die Geschichte einer verkorksten Stadtentwicklung. Die Görlitzer Straße ist nicht mehr der beste Standort. Aber hat es die Geschäftslage „1 a“ in Nieder-Roden jemals gegeben? Konzeptlosigkeit regierte bereits, als die Gemeinde noch selbstständig war. In der Gartenstadt wurde zunächst ein kleines Einkaufszentrum an der Breslauer Straße eröffnet, dann ein etwas größeres am Leipziger Ring. Danach kam das Terrassenhaus an der Seestraße mit Ladenpassage und dem ersten Rewe-Markt, zur Eröffnung kam sogar Bundeswohnungsbauminister Lauritz Lauritzen. Bald darauf wurde der Puiseauxplatz als neuer Mittelpunkt propagiert. Ein echtes Zentrum konnte so nie entstehen, stattdessen verteilten sich die Läden auf den ganzen Ort

Heute florieren das Märktezentrum in Urberach und das Rathauscenter in Dietzenbach. Hat Rodgau die Entwicklung verschlafen? Otto Manus bedauert: „Es ist schade: Wir sind die größte Stadt des Kreises Offenbach, aber wir haben die schlechteste Struktur im Einzelhandel.“

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Der Räumungsverkauf in der Görlitzer Straße beginnt am 28. Februar. Danach werden die Geschäftsräume in zwei Wohnungen umgebaut. Die Lotto-Annahme bleibt bestehen. Tennisspieler können ihre Schläger weiterhin professionell bespannen lassen. Beides ist auch auf kleiner Fläche möglich.

Die nächste Generation ist auf einem guten Weg. Während sich Michael Manus neuen beruflichen Herausforderungen stellt, bleibt das Reisebüro von Eva-Maria Manus das zweite Standbein der Familie. Ihr Vater sieht als Reiseleiter neuen Horizonten entgegen – in Spanien, Irland, in Namibia oder noch ferner in Vietnam und Kambodscha. So kann der 68-Jährige auch der Globalisierung etwas Positives abgewinnen: „Vor zehn, 15 Jahren hätten wir uns nicht vorstellen können, dass wir solche Gruppenreisen anbieten.“

Quelle: op-online.de

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