Sprechende Uhr als Hilfe

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Helga Johannes tastet mit ihrem Stock entlang eines Bürgersteigs. Ihre Rodgauer Ortsgruppe der Selbsthilfegruppe möchte Tipps zur Bewältigung des Alltags geben.

Nieder-Roden - (pul) „Es ist 11 Uhr“ säuselt eine elektronische Stimme aus der Armbanduhr. Solche ungewöhnlichen Hilfsmittel wie die sprechende Uhr bringen Helga Johannes durch ihr tägliches Leben.

Helga Johannes ist sehbehindert und hilft Leidensgenossen mit Ratschlägen, die Schwierigkeiten des Alltags zu meistern. Dazu hat sie jetzt die Pro Retina Ortsgruppe Rodgau, eine Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegeneration, gegründet. Am 25. Oktober veranstaltet die Gruppe erstmals einen Info-Nachmittag zusammen mit Referenten. Im evangelischen Gemeindezentrum Jügesheim geht es von 14 bis 17 Uhr unter anderem um das Thema „Diabetes und die Auswirkungen auf das Auge“. Auskünfte gibt Helga Johannes unter der Telefonnummer 06106 16194.

Wie lange ist die Dosensuppe noch haltbar? Helga Johannes aus Nieder-Roden greift zur Lupe, und selbst mit diesem Hilfsmittel kann sie kaum das Datum erkennen. Wo sie die Lupe zuletzt abgelegt hat, muss sie sich genau einprägen. Sonst beginnt eine Suche, die sie nicht gewinnen kann. Grüner Star auf beiden Augen und eine Netzhauterkrankung, die ihre Sehfähigkeit auf wenige Prozent gesenkt haben, machen jeden Handgriff im Haushalt zur Bewährungsprobe.

FAKTEN

  • Als sehbehindert gilt, wer weniger als 30 Prozent Sehkraft besitzt. Laut Weltgesundheitsorganisation leben in Deutschland eine Million Sehbehinderte. 
  • Pro Retina bietet Informationen über Makuladegeneration, Retinitis Pigmentosa und das Usher-Syndrom. 
  • Kontakt: Tel.: 0241/870018.

Trotzdem greift die Frau anderen Betroffenen unter die Arme, wann immer das möglich ist. Als Leiterin der gibt sie Ratschläge. Etwas zu trinken gefällig? Bunte Gläser lassen sich besser erkennen als farblose. Den Finger in das Glas getaucht, lenkt sie den Strahl aus der Getränkeflasche. Neben praktischen Alltagstipps versetzen sich die Eheleute Johannes auch in die Psyche der Betroffenen und deren Angehörigen. Denn die ganze Familie muss sich auf Veränderungen einstellen, sobald ein Mitglied sehbehindert ist. Offene Schranktüren oder spitze Messer in der Spüle stellen böse Fallen dar.

Stolpersteine gibt es auch außerhalb der häuslichen Mauern. Es müssen nicht gleich schwerwiegende Unfälle sein, wie jüngst die Kollision einer fast blinden Frau mit einer Lkw-Hebebühne auf Gesichtshöhe; ihr Langstock warnte sie vor dem Hindernis nicht, denn der tastete unter dem Lkw ins leere. Auch auf den Gehweg ragende Äste führen zu Wunden.

Orientierung bieten Hell/Dunkel-, sowie Farbkontraste. Große, leuchtende Stockwerkanzeigen in Fahrstühlen oder mit grellen Farben markierte Baustellen führen sicherer durchs Leben. Eine Absenkung des Bordsteins ist zwar für Rollstuhlfahrer von großem Vorteil. Menschen mit verringerter Sehkraft finden an solchen Stellen aber kaum den Abschluss zwischen Bürgersteig und Fahrbahn. Dann sind Gehwegplatten mit differenter Oberflächenstruktur unerlässlich.

Quelle: op-online.de

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