Nach 70 Jahren erstmals am Grab des Vaters

Spurensuche im Osten

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Das Ziel der Reise: Tausende von Kreuzen in endlosen Reihen, wie auf anderen Soldatenfriedhöfen, sucht man in Schtschatkowo vergebens. Die Gedenkstätte strahlt dennoch Weite aus. Auf Granitstelen sind die Namen der toten Soldaten verzeichnet.

Rodgau - Der Volkstrauertag hält das Gedenken an die Toten der beiden Weltkriege wach - auch an diesem Sonntag wieder. Wendelin Grimm aus Jügesheim, pensionierter Lehrer und Schulleiter, hat eine Reise auf den Spuren der Vergangenheit unternommen.

In Weißrussland besuchte er erstmals das Grab seines Vaters. Hier ist sein Bericht: Mein Vater gehört zu den Toten des Zweiten Weltkriegs. Er fiel als Soldat 1944 im heutigen Weißrussland. Das lag für mich immer in unerreichbarer Ferne, bis ich vor einigen Jahren mit meiner Frau an einer Reise von Moskau nach St. Petersburg teilnahm. Mit der räumlichen Nähe zu den Orten, wo dieser schreckliche Krieg tobte, rückte auch das Schicksal meines Vaters näher an mich heran. Von der Reise heimgekehrt, sah ich die hinterlassenen Bilder durch. Dabei fiel mir das Bild seines Grabes in die Hände. Gibt es dieses Grab noch?

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge half weiter. Ich erfuhr, dass Friedhof und Grab meines Vaters zwar registriert waren, aber man wusste nicht, ob oberirdisch noch irgendetwas auffindbar ist. Das ist verständlich. Schließlich gibt es auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion etwa 100 000 von der damaligen Wehrmacht angelegte Friedhöfe. Überraschend kam vier Jahre später eine Nachricht: Mitarbeiter des Volksbundes hatten 625 Soldaten, darunter wahrscheinlich auch meinen Vater, aus oberirdisch nicht mehr erkennbaren Gräbern exhumiert und auf den deutschen Soldatenfriedhof Schtschatkowo überführt.

Flug nach Minsk war schnell gebucht

Nun reifte der Entschluss, diesen Friedhof zu besuchen. Unsere beiden Söhne entschlossen sich spontan mitzureisen. Der Flug nach Minsk war schnell gebucht. Schwieriger war die Suche nach einer Unterkunft. Alle Hotels waren belegt. Jetzt erst stellten wir fest, dass unser Vorhaben im Mai dieses Jahres ausgerechnet in die Zeit der Eishockey-Weltmeisterschaft in Minsk fiel. Nach langer Suche fand ich einen privaten Vermieter mit einem Appartement. Wie sich bald herausstellte, ein Glücksfall. Die nächste Hürde waren die Visa für die Einreise. Hier half Eugeny, unser Vermieter. Er sprach Englisch und konnte über E-Mail korrespondieren. Prompt kamen von ihm alle notwendigen Bestätigungen. Er holte uns auch spät abends mit seinem Wagen vom Flughafen ab und brachte uns in die Wohnung im Zentrum von Minsk.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Zug in das 140 Kilometer entfernte Bobruisk in die Nähe des Soldatenfriedhofs. In Erwartung von Komplikationen und Warteschlangen vor den Bahnhofsschaltern hatten wir viel Zeit mitgebracht. Aber alles ging ganz reibungslos. Eine freundliche junge Dame an einem Schalter sprach sogar Englisch. Innerhalb kürzester Zeit hielten wir die Fahrkarten in der Hand. Ein einheimischer Reisegast sprach uns an, ob wir Deutsche seien und erzählte von seinen Reisen nach Deutschland.

Wir vertrauten darauf, am Zielbahnhof ein Taxi vorzufinden. Die Großstadt Bobruisk enttäuschte uns nicht. Allerdings gestaltete sich die Verständigung mit dem Taxifahrer schwierig. Den Friedhof kannte er nicht, aber wir konnten ihm auf der Straßenkarte den Ort Schtschatkowo zeigen. Ein halbe Stunde später standen wir vor dem Soldatenfriedhof. Ich war einerseits froh, dass wir dieses Ziel erreicht hatten. Aber es beschlich mich auch eine Beklemmung beim Betreten des Friedhofs, in dem bislang über 10 000 Menschen, zu denen mein Vater gehört, ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Wenn die Umbettung abgeschlossen ist, werden es einmal 40 000 sein. Einzelgräber sind nicht gekennzeichnet. Der Friedhof ist vielmehr in Blöcke mit Reihen unterteilt. Die Namen der dort Ruhenden sind auf Granitstelen an jedem Block verzeichnet.

So begann der Zweite Weltkrieg

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Gleich hinter dem Haupteingang befindet sich das Gräberfeld der nicht identifizierten Toten. Auf der Stele dort fanden wir den Namen meines Vaters mit Geburts- und Sterbedatum. 70 Jahre liegt sein Todestag nun zurück. Er war damals 28 Jahre alt. Nun standen seine beiden Enkel und ich vor seiner Grabstätte. Jeder von uns dreien ist in einem Alter, das mein Vater nicht erreichen durfte. Viele auf diesem Friedhof sind sogar noch jünger gestorben. Auf einem Rundgang durch Minsk am nächsten Tag kamen wir an ein Ehrenmal und gedachten der Toten des damaligen Kriegsgegners. Ein Viertel der Bevölkerung Weißrusslands kam im Zweiten Weltkrieg ums Leben.

Diese Reise führte uns deutlich vor Augen, wie menschenverachtende Ideologien und ein verbrecherisches nationalsozialistisches Regime Millionen Leben zerstören können. Auf dem Soldatenfriedhof steht an zentraler Stelle ein Kreuz. Darunter liegt eine Platte mit der Inschrift auf Deutsch und auf Russisch: „Mögen die Toten ihre Ruhe finden und zum Verbindungspfad zwischen den Lebenden werden.“ Diesen Verbindungspfad anzunehmen, ist eine Verpflichtung für uns alle.

Quelle: op-online.de

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