Ein Fall zum Kopfschütteln

Bürokratie statt Bürgerservice

Nieder-Roden - Manche Geschichten sind so verrückt, dass man sie nicht erfinden kann. Eine Erfahrung mit unnötiger Bürokratie kam jetzt im Ortsbeirat Nieder-Roden zur Sprache. Von Ekkehard Wolf

Frau L. (86) muss ihre Einkommensteuer-Erklärung ausfüllen. Sie ist nicht mehr gut zu Fuß und ruft im Bürgerbüro an: Ob man ihr die Formulare bitte schicken könne? „Das geht leider nicht“, tönt es aus dem Telefonhörer. „Dann schicken Sie sie bitte unfrei.“ Die Antwort: „Ausgeschlossen.“

Was nun? Frau L. wendet sich in ihrer Not an Bekannte von der CDU. Diese stellen am 6. März im Ortsbeirat eine Anfrage an den Magistrat: „Wie soll die Bürgerin diese Formulare erhalten? Welche bürgernahe Lösung wird hier seitens der Stadt für nicht mobile Bürger angeboten?“

Die Antwort ist schnell formuliert. Doch weder die Fragesteller noch die betroffene Bürgerin erfahren davon. Der Ortsbeirat tagt am 2. Mai – keine Antwort. Er tagt am 5. Juni – keine Antwort. Am 11. September schließlich, nach einem halben Jahr, darf der ehrenamtliche Stadtrat Franz Dürsch (Grüne) die Auskunft des Magistrats vortragen.

Wie weltfern ist denn das?

Aus der „Weiterentwicklung des Bürgerservices“, erfährt die staunende Öffentlichkeit, hätten sich drei Lösungsmöglichkeiten ergeben. Erstens: Im Telefongespräch mit der Bürgerin werde geklärt, ob die Formulare digital zugesandt werden können. Kichern im Saal: Wie weltfern ist denn das? Wie viele 86-Jährige haben wohl einen Computer auf dem Küchentisch stehen? Zweitens: Vielleicht könnten ja auch Nachbarn oder Verwandte die Formulare im Rathaus abholen. Dritte Möglichkeit: Versand der Formulare auf Kosten der Stadt.

Wir erinnern uns: Das war doch genau das, was Frau L. wollte!

Vielleicht kannte die Sachbearbeiterin im Rathaus ja nur das Wort „unfrei“ nicht. Aber auch das hat die Stadtverwaltung in deutscher Gründlichkeit geklärt: Ein Brief ohne Briefmarke (unfrei) oder gar per Nachnahme sei laut Auskunft der Deutschen Post nicht möglich.

Ob Frau L. ihre Steuererklärung inzwischen abgegeben hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Die Formulare hat sie jedenfalls längst erhalten. Die ehrenamtliche Stadträtin Margit Müller-Ollech (CDU) hat sie ihr persönlich gebracht. So schnell kann‘s bei etwas gutem Willen gehen. Stadtrat Dürsch von den Grünen ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was er im September würde verkünden müssen.

Quelle: op-online.de

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