Wilde Party endet im Chaos

Stresstest für 80 Lebensretter am Badesee

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Die Übung war gespickt mit dramatischen Elementen. Auf der Fahrt von Unglücksort zum ersten Behandlungszelt an Land kollabiert einer der Schwerverletzten und muss im schwankenden Boot wiederbelebt werden.

Nieder-Roden - Die wilde Party am Badesee endet im Chaos. Beim Anzünden des Grills verpufft Spiritus und löst einen Brand aus. Fetenfans liegen verletzt am Ufer, andere flüchten voller Panik ins Wasser. Von Michael Löw 

Ruhe bewahren, sich einen Überblick verschaffen und dann handeln: Die ersten Helfer müssen vor allem einen kühlen Kopf haben.

Diesem Szenario sahen sich am Samstagabend gut 80 Einsatzkräfte bei einer Katastrophenschutz-Großübung der Johanniter gegenüber. Bis die gut geölte Maschinerie des deutschen Rettungswesens nach einem schweren Unfall auf Hochtouren läuft, sind erst einmal wenige - und oft freiwillige - Helfer zur Stelle. Und die müssen in einer beklemmenden Situation einen kühlen Kopf bewahren. So auch bei der ersten Katastrophenschutzübung, die die Johanniter (JUH) am Badesee initiiert hatten. Ihr Sanitätszug sowie Malteser, Feuerwehr und Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) trainierten mit 80 Einsatzkräften und 17 Komparsen, die die Verletzten mimten, den Ernstfall.

JUH-Rettungsdienstleiter Christian Keller, Michael Hemrich und Arne Hoepke hatten sich eine verbotene Grillparty mit verhängnisvollen Folgen ausgedacht. Nach einer Verpuffung waren 17 Opfer zu beklagen. Die einen lagen reglos am Ufer, andere schrieen oder wimmerten, zwei waren vor Angst in den See gesprungen. Täuschend echt geschminkte Brandverletzungen, Platzwunden und sogar ein Stück Holz, das aus dem Bein eines Mädchens ragte, ließen die Übung sehr, sehr realitätsnah wirken.

Die wohl kniffeligste Aufgabe hatte die fünfköpfige Besatzung des DLRG-Bootes, das die Unglücksstelle zuerst erreichte. Die geschockten Opfer im Wasser hatten Priorität und waren schnell an Bord gezogen. Doch im Schilf herrschte Chaos, zwei Sanitäter mussten sich um 15 Partygäste mit unterschiedlichen Verletzungen kümmern. Den rationalen Aspekt eines solchen Einsatzes kann man üben, erläuterte JUH-Zugführer Hoepke: Die Opfer werden - so zynisch es klingen mag - nach der Schwere ihrer Verletzung sortiert, erst dann fangen die Helfer mit der Erstversorgung an. Die psychische Belastung ist trotz dieser Logik enorm; die Minuten bis zum Eintreffen der Verstärkung scheinen endlos. Zum abgelegenen Ufer hinterm FKK-Strand konnten weitere Retter immer nur zu viert im Boot gebracht werden. Arne Hoepke: „Diese Momente kann man nicht trainieren. Übungen wie heute verschaffen allenfalls einen Eindruck von dem, was sein könnte.“

Und einen 80-Kilo-Mann an Bord zu ziehen, ist für Retter und Geretteten eine heikle Angelegenheit.

Drei Boote pendelten zwischen dem Unglücksort und dem Behandlungszelt am Textilstrand. Zwei Stunden nach dem ersten Alarm waren alle Opfer im „Krankenhaus“, der JUH-Wache in der Borsigstraße. Die Zusammenarbeit so vieler Organisationen habe besser funktioniert als erwartet, sagte Bereitschaftsführer Michael Hemrich. Das gelte auch für die Kooperation zwischen Profis und Ehrenamtlichen. Allerdings hatte er zwei Schwachstellen ausgemacht: Am Steg, wo die Verletzten an Land gebracht wurden, hätten mindestens zehn Helfer mehr stehen müssen.

Großübung der Rodgauer Feuerwehr

Großübung der Rodgauer Feuerwehr

Und eine weitere Erkenntnis gewann Hemrich: Drei Boote sind im Ernstfall zu wenig. Hätte man nicht noch mehr besorgen können, hätte die Feuerwehr eine Schneise durch die 100 Meter dichtes Buschwerk schlagen müssen, das den FKK-Strand vom Kiesabbau trennt.

Quelle: op-online.de

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