Papiere des Scheiterns

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Ein kleiner Ausschnitt aus der Bewerbungslitanei von Günter S. Anfangs bewarb er sich fast ausnahmslos auf Stellen, die zu seinem Berufsbild passten. Später versuchte es der hoch qualifizierte Montageleiter sogar als Pförtner - und als Arbeitsvermittler bei der Agentur für Arbeit.

Rodgau (bp) - „Ich erzähle keinen Unsinn“, versichert Günter S. Und als wäre ein Beweis dafür notwendig, legt er einen seiner penibel geführten Ordner auf den Tisch und zeigt eine lückenlose Auflistung seiner Bewerbungen um eine Arbeitsstelle.

Ordnung wie bei einem Buchhalter. Aber so akkurat die Papiere auch geführt sind: es sind Dokumente des Scheiterns. Seit 30 Monaten sucht der 56-Jährige einen Job. 260 Bewerbungen hat er bisher geschrieben. Ohne Erfolg.

Es ist nicht zu begreifen, dass der Mann, der nicht mit vollem Namen genannt sein möchte, keine Arbeit findet. Am 30. Juni 2009 war für ihn (und weitere 384 Beschäftigte) bei der Obertshäuser Textilmaschinenfabrik Karl Mayer kein Platz mehr: Umstrukturierung.

Der Montageleiter musste nach fast 39 Jahren Firmenzugehörigkeit gehen und schloss gegen eine Abfindung einen Aufhebungsvertrag. „Damals habe ich noch fest geglaubt, dass ich wegen meiner Erfahrung, meiner Qualifikation und Weiterbildung innerhalb von sechs Monaten wieder etwas finden würde“, erinnert sich der ehemalige Chef von bis zu 40 Mitarbeitern. Doch die zurückliegenden 30 Monate haben ihn ernüchtert.

Lange Suche hat Günter S. ernüchtert

Seine Bewerbungsunterlagen, Papiere aus der Zeit bei einer Personal-Auffanggesellschaft, Schriftverkehr mit der Arbeitsagentur, Unterlagen über Bewerbungstrainings und mehr füllen inzwischen zehn Ordner. Und alles für die Katz.

Bitter enttäuscht ist S. von der Personal-Auffanggesellschaft, in die er nach der Kündigung bei Mayer für ein Jahr wechselte. An die Büros in der Birkenwaldstraße in Obertshausen hat er keine guten Erinnerungen. Eine „Beruhigungspille“ sei das gewesen für die Entlassenen - mehr nicht. Außer Kursen in EDV, Englisch, Buchhaltung und einem Computerprogramm sei nicht viel gelaufen.

Natürlich hätten die Freiberufler von der Auffanggesellschaft ihren Klienten regelmäßig Jobangebote aus dem Internet gemacht. „Die hatte ich aber immer schon längst selbst herausgefunden.“ So kam der arbeitslose Rodgauer auf 108 selbst akquirierte Bewerbungen - allein in der Zeit bei der Auffanggesellschaft.

Arbeitsagentur keine große Hilfe

Sobald er an diesen Frust zurückdenkt, kommen ihm die fast 1 000 bei Manroland entlassenen Mitarbeiter in den Sinn. „Ich will ja nicht miesmachen. Aber was ich hinter mir habe, haben die leider noch vor sich.“

Dazu würde dann auch eine zermürbende Zeit in Obhut der Arbeitsagentur gehören. Auch dort machte S. die bittere Erfahrung, entweder unpassende Jobangebote zu bekommen oder solche, die er selbst schon längst abgegrast hatte. „Es werden Zahlen und Daten verwaltet. An welcher Stelle der Mensch kommt, weiß ich nicht.“

152 Bewerbungen setzte der Arbeitssuchende während seiner Zeit bei der Arbeitsagentur ab. Nur drei Angebote stammten von der Arbeitsagentur. „Den Rest habe ich selbst herausgefunden.“ 2010 hatte S. sieben Einladungen zu Vorstellungsgesprächen, 2011 waren es 16. Meist wurde ohne Begründung abgesagt. Manchmal hieß es: das Alter. Oder die Kleidung des 56-Jährigen. Nicht zu fassen: Ihm wurde zum Verhängnis, dass er im schicken Anzug erschien. „Mir wurde gesagt: ,Sie spielen in einer anderen Liga.’“

Auch die Hoffnung auf einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma platzte. Der gelernte Maschinenschlosser hat bisher 35 solche Firmen kontaktiert. Nur zehn haben reagiert. Doch keine einzige Vermittlung kam zustande.

Quelle: op-online.de

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