Ganze Spielwelten entstehen im Kopf

Neues Spiel „Loot Earth“ kommt aus Rodgau

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Seeschlachten aus der Napoleon-Zeit lassen sich mit „Sails of Glory“ nachspielen. Das Tabletop-Spiel war am Samstag eine der Attraktionen beim „Victory Day“ in Dudenhofen.

Dudenhofen - Lord Nelsons Linienschiff hat gerade eine französische Fregatte in den Grund gebohrt. Kap Trafalgar ist zwar über tausend Meilen weg, das Drama seit mehr als zwei Jahrhunderten Geschichte und statt hoher Dünung plätschert nur die Rodau vorbei.

Kapitän Marco Siebert, demnächst vielleicht Admiral, ist trotzdem stolz, verschiebt ein paar Spielmarken auf seinem Tableau und nimmt das nächste Ziel in den Blick. Im Jugendhaus Dudenhofen ist „Victory Day“. Dass Admiral Nelsons Flaggschiff ebenfalls „Victory“ (englisch: Sieg) hieß, ist freilich Zufall. Wenn die Phantastische Gemeinschaft Rodgau (PGR) wie am vergangenen Samstag die Leinen loswirft und zum offenen Spieletag bittet, wird keineswegs nur gesegelt und manövriert. Wie schon der Name des 2002 gegründeten Vereins vermuten lässt, beschäftigen sich die aktuell rund 55 Mitglieder mit fast allem aus dem grenzenlosen Reich der Fantasie, was spiel- oder lesbar ist - nicht vor einem Bildschirm mit Maus und Tastatur, sondern am Spieltisch mit richtigen Karten, Würfeln und Spielbrettern.

Das Segelschiff-Spiel heißt „Sails of Glory“ und gehört nach Worten des PGR-Vorsitzenden Marco Siebert zur Kategorie „Tabletop“. Auf dem Tisch - so die Bedeutung im Englischen - werden zwar auch Klassiker wie Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt, die neue Brettspiel-Generation geht laut Siebert indessen auf eine Renaissance des Genres vor allem in England zurück und zeichnet sich durch ausgeklügelte Spielkonzepte wie reizvolle Ausstattung aus.

Fantasy-Sets nach dem Muster epischer Sagen wie „Herr der Ringe“, der nordischen Mythologie, mit mittelalterlichem oder Märchen-Hintergrund bieten aufwendige Kulissen, Spielfiguren und Requisiten können oft selbst bemalt oder gestaltet werden. Ziele und Funktionen sind auch Computer- und Konsolenzockern vertraut: Die Spieler erwerben für ihre Figuren „Fähigkeiten“ und nutzen „Eigenschaften“, um ihre Siegchancen zu erhöhen.

„Sails of Glory“, bietet in der Einsteiger-Version vier detaillierte Schiffsminiaturen, die sich gegenseitig ausmanövrieren, beschießen oder entern können. Wie ein echter Seemann muss der Kapitän auf Wind und Takelage achten, Entfernungen, den eigenen Kurs und den des Gegners richtig einschätzen. Als Strategiespiel passt das Schachtel-Abenteuer wie viele andere in der Sammlung der PGR fugenfrei in den „Victory Day“, den der Club vor allem dem historischen Genre widmet.

Nicht jeder freilich spielte am Samstag historische Schlachten oder mystische Abenteuer nach: Auch Kartenspiele und Brettspiel-Evergreens waren vielfach zu sehen. Neben Freundeskreisen, Zufallsrunden und sachkundigen Zirkeln aus Vereinsmitgliedern nahmen auch ganze Familien an den Spieltischen Platz, die Altersspanne reichte von fünf bis über 50 Jahre.

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Wer am Samstag vorbeigeschaut und vielleicht auch mitgespielt hat, kennt damit nur eine von mehreren Facetten der Phantastischen Gemeinschaft. Neben Tabletops werden auch Rollenspiele inszeniert. „Jeder am Tisch spielt eine Figur mit Stärken und Schwächen, Werten und Fähigkeiten“, erläutert Marco Siebert. Der Spielleiter ist Regisseur und erzählt eine - zumeist fantastische - Geschichte, zu der sich die Charaktere verhalten müssen. Die Spielwelten entstehen im Kopf. Andere Mitglieder werden selbst zu Figuren, steigen kostümiert in Szenarien ein und spielen „eine Art Kommunikationstheater“ (Siebert). Man ist bundesweit vernetzt, bei jährlichen Treffen mit bis zu 10.000 Spielern werden ganze Mittelalter-Städte aufgebaut.

Das gilt nach Worten des Vorsitzenden für alle Sparten der Fantasy-Szene. „Fast jeder größere Ort hat heute so einen Verein“, sagt er, die Fangemeinde werde größer und sei auch in Rodgau stetig gewachsen. Zur PGR gehört auch ein Literaturkreis, den Thomas Abbenhaus leitet und der sich nach seinen Worten mit „Fantastikliteratur im weitesten Sinne“ befasst. Junge Autoren werden eingeladen, lesen vor und diskutieren mit. Stephen King, Tolkien oder Isaac Asimov werden da analysiert. „Wir haben uns auch schon E.T.A. Hoffmann und Edgar Allan Poe vorgenommen“, sagt Abbenhaus. Am 27. Mai ist Karl May an der Reihe.

Und dann ist da noch Victor Ahrens, dessen Name vielleicht bald eine Tabletop-Schachtel ziert. Seit fünf Jahren arbeitet der Rodgauer an „LootERPS“, seinem eigenen Fantasy-Spiel, dessen Idee die Vereinskameraden fasziniert: Das Verlies, in dem die Helden Monster bekämpfen, Prinzessinnen befreien und vor Feuersbrünsten flüchten müssen, wird mittels „Raumkarten“ gelegt und entsteht erst während des Spiels. „Je nachdem, welche Wege sich die Spieler öffnen können, liegt nur ein Gang mit zwei Räumen oder ein ganzes Labyrinth, jedes Abenteuer ist anders“ - Thomas Abbenhaus ist begeistert und empfiehlt einen Blick auf die Online-Vorschau. (zrk)

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Quelle: op-online.de

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