„Gott sei Dank, dass jemand kommt“

Taxi bringt Mann ins Eiscafé statt Pflegeheim

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Dudenhofen - Unglaublich, aber wahr: Auf der Taxi-Heimfahrt vom Krankenhaus ist ein schwerkranker alter Mann nicht im Pflegeheim angekommen, sondern in einem Eiscafé gestrandet. Wie kann so etwas passieren? Hier ist der Versuch einer Erklärung. Von Ekkehard Wolf

Fünf oder sechs Rentner sitzen am späten Vormittag unter dem Vordach des Eiscafés an der Nieuwpoorter Straße. Ein Taxifahrer führt einen älteren Herrn herein, setzt ihn an einen Tisch und stellt ein kleines Gepäckstück ab. Der ältere Herr bestellt sich eine Cola Light und bittet den Tischnachbarn um seine Zeitung. Man kommt ins Gespräch. Der Neuankömmling spricht sehr leise. Er zeigt den anderen die Markierungen, die man ihm vor der Bestrahlung auf die Haut gezeichnet hat. Bei der Frage nach dem Woher und Wohin ist er unsicher. „Ein hilfloser Mann, der zeitlich und örtlich überhaupt nicht orientiert war“, berichtet Dieter Seib-Haller, der mit im Café saß. Er fragt sich: Warum um alles in der Welt hat der Taxifahrer diesen Mann hier abgesetzt? „Der Fahrer hätte uns doch ansprechen können.“

Eine halbe Stunde später nähert sich eine Autofahrerin mit suchendem Blick. Es ist die Tochter des alten Herrn. Die Gäste im Eiscafé begrüßen sie mit einem Stoßseufzer der Erleichterung: „Gott sei Dank, dass jemand kommt!“ Für den schwerkranken 81-Jährigen ist es höchste Zeit. Langes Sitzen ist für ihn eine Qual. Kurze Zeit später wird er ein Morphiumpflaster erhalten, weil er die Schmerzen nicht mehr aushält.

600 Meter Luftlinie vom Eiscafé

Im Altenpflegeheim „Haus Gretel Egner“ macht man sich bereits Gedanken, wo denn der Heimbewohner bleibt. Das Heim ist 600 Meter Luftlinie von dem Eiscafé entfernt, auf der Straße im ungünstigsten Fall doppelt so weit. „Sehr befremdet“ äußert sich Heimleiter Horst Thuro darüber, dass sein Schützling erst auf Umwegen zurückkehrt: „Eigentlich erlebe ich das zum ersten Mal.“

„Das kann man doch nicht machen mit einem schwerkranken Mann“, ärgert sich Monika Consolo, die Tochter des 81-Jährigen: „Wenn der Taxifahrer jemanden aus dem Krankenhaus ins Pflegeheim bringen soll, dann muss er ihn dort auch hinbringen und kann ihn nicht irgendwo absetzen.“ Als der Anruf des Fahrers sie erreicht, springt sie ins Auto, um ihren Vater zu finden.

Aber welchen Auftrag hatte der Taxifahrer überhaupt? Und warum wurde der Patient nicht mit einem Krankenwagen nach Dudenhofen gebracht? Das St.-Vinzenz-Krankenhaus in Hanau hatte den Kranken aus einem stationären Aufenthalt entlassen. Für die weitere Behandlung übernahm die Krankenkasse die Transportkosten, aber erst ab dem nächsten Tag. Der Transportschein ist für einen speziellen Krankentransport ausgestellt.

Keinen Krankenwagen gefordert

Dennoch fordert das St.-Vinzenz-Krankenhaus für die Heimfahrt keinen Krankenwagen, sondern ein ganz normales Taxi an. Für Taxifahrer Wolfgang N. ist es denn auch eine ganz normale Heimfahrt: „Von einem Altenheim war keine Rede.“ Auf dem Transportschein, der erst ab dem nächsten Tag gilt, steht eine Anschrift in Babenhausen: Dort wohnte der 81-Jährige, bevor er ins Pflegeheim kam. Aber das kann Wolfgang N. nicht wissen. Sein Fahrgast sagt: Ich möchte nicht nach Babenhausen, sondern zu meiner Tochter nach Dudenhofen, in der Nähe vom Toom-Markt. Der Straßenname fällt ihm gerade nicht ein, das kann ja mal passieren.

Das Taxi fährt auf den Toom-Parkplatz, doch auch dort kommt der alte Herr nicht auf die Adresse seiner Tochter, die in Wirklichkeit in Nieder-Roden wohnt. Dass er sich fast in Sichtweite des Gretel-Egner-Hauses befindet, bemerkt er nicht. Er ruft die Tochter vom Handy aus an – erfolglos. Der Taxifahrer versucht es noch ein paar mal. Erst ein Weilchen später erreicht er sie. Zu diesem Zeitpunkt hat er seinen Fahrgast aber schon im Eiscafé abgesetzt. „Bringen Sie mich irgendwo hin, wo ich mich hinsetzen und eine Cola trinken kann“, habe der 81-Jährige gesagt. Daraufhin sei er eben in Richtung Ortsmitte gefahren, bis er das geöffnete Eiscafé erblickte. Wolfgang N.: „Tut mir leid, das ist ein erwachsener Mann. Der Gast ist König.“

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Besondere körperliche oder geistige Einschränkungen habe er bei seinem Fahrgast nicht beobachtet, sagt der Taxifahrer: „Er hat sein Handy ganz normal bedient, hat sein Portmonee herausgezogen und gezahlt.“ Auch den Weg über die Straße habe der 81-Jährige selbstständig bewältigt. Der alte Mann habe weder senil noch besonders zittrig gewirkt: „Dann hätte ihn der Krankenwagen fahren müssen.“

„Man sieht ihm an, dass er schwer krank ist“, widerspricht Monika Consolo: „Ich erwarte, dass mein Papa heil dort ankommt, wo er hinfahren soll.“ Die Pflegedirektorin des St.-Vinzenz-Krankenhauses, Jutta Berg, spricht von einer Kombination mehrerer unglücklicher Umstände: „Ich glaube, so richtig Schuld hat keiner.“

Quelle: op-online.de

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