Akademische Feier von TGM SV

Überfrachtetes Ehrenamt

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Jügesheim - Grußworte, Scheckübergaben, ein profunder Festvortrag, Ehrungen und ein sportliches Bühnenprogramm: TGM SV Jügesheim feierte im vollen Saal an der Weiskircher Straße das 125-Jahre-Jubiläum akademisch und klassisch zugleich.

Dem gediegenen Auftakt zum großen Geburtstag folgen ab 4. Juli eine Festwoche mit lockeren Veranstaltungen und die kulinarischen Tage für den Gaumen.

Die akademische Feier eines der fünf größten Vereine im Kreis Offenbach führte alles was Rang und Namen hat im lokalen und regionalen Sport in die Halle. Vorstandssprecher Götz Schwarz sprach manchem schon zur Eröffnung aus dem Herzen. Wenn Vereine überleben wollten, müsse es gelingen, die Leute vom Sofa und weg von der Spielekonsole zu holen. Landrat Oliver Quilling bescheinigte, der Geburtstagsverein sei auf einem guten Weg. TGM SV erfülle nicht nur sportliche Aufgaben, sondern knüpfe obendrein ein integratives Netz. Etwa mit Projekten wie „JobFit“, das junge Vereinsmitglieder in Ausbildung führe.

Anerkennung, Respekt und Dank

Die SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Judith Pauly-Bender attestierte, der Verein habe Vieles, wonach sich andere die fünf Finger lecken. Und das durch alle Altersstrukturen. Als Beleg dafür konnte der Spielmannszug gelten, in dem Mitglieder von acht bis 94 Jahren spielen. Geleitet von Nikolas Schramm hatten die Musiker den Abend mit klingendem Spiel und Trommelwirbel zackig eröffnet.

Anerkennung, Respekt und Dank sprach auch die CDU-Bundestagsabgeordnete Patricia Lips dem Geburtstagskind aus. In Jügesheim werde über den eigentlichen Vereinszweck hinaus Großes geleistet. Stadtrat Werner Kremeier erinnerte an historische Ereignisse im Gründungsjahr 1888: die Eröffnung des Frankfurter Hauptbahnhofs als damals größtem in Europa, an die Herrschaft gleich dreier Kaiser hintereinander und an die bis dahin größte Überlandfahrt in einem Automobil mit Bertha Benz am Steuer. Dass der Anfang nicht leicht gewesen sein muss, belegte Kremeier mit einem Zitat aus der Vereinschronik von 1913. Darin heißt es, einige „Jügesheimer Spießbürger“ hätten „die Entwicklung sehr behindert“.

Nachdenkliches hatte Festredner Dr. Jürgen Follmann im Gepäck. Der frühere Vorsitzende der TGS Jügesheim (bis Mai 2011, dem Jahr der gescheiterten Fusion mit TGM SV) umriss drängende Probleme, mit denen Vereine heute angesichts des gesellschaftlichen Wandels zu kämpfen haben. Wie können Vereine ihre Errungenschaften und Maßstäbe wie Verantwortung, Teamgeist, Solidarität, Toleranz, Fairplay bewahren und trotzdem die Zukunft sicher gestalten?

Platz für Spaß und Experimente

Der Referent umriss die immer schwierigeren Bedingungen. Zunehmend sehe sich der traditionell wettkampf- und ehrenamtlich orientierte Sport unter dem Druck einer privatwirtschaftlich organisierten Sportszene, die in immer kürzeren Zeitabständen immer schrillere Trends produziere. Diesem Wandel gelte es „bei aller Rücksicht auf die traditionsstarke Herkunft“ eine Chance zu geben. An Trends kommt also kein Sportverein mehr vorbei, sonst verkümmern auch die traditionellen Wurzeln.

Follmann wies auf eine weitere Gefahr hin. Allein in Rodgau werde die Zahl der Jugendlichen bis 2025 um 1000 abnehmen. Schon jetzt sei dieser bedrohliche Schwund in den Mannschaftssportarten spürbar. Fusionen seien unausweichlich, weil die Mannschaften sonst nicht mehr vollzählig werden.

Um junge Leute überhaupt noch an den Verein binden zu können, müsse Platz für Spaß und Experimente bleiben. Follmann forderte ein Nachdenken über neue Formen der Mitgliedschaft, über Inhalte von Angeboten und über die Tageszeiten, in denen diese Angebote stattfinden. Die Vermarktung dieser Angebote müsse unter Einbeziehung neuer Medien professioneller werden. Ehrenamtlich sei dies allerdings nicht mehr zu leisten.

Gescheiterte Fusion „eine mittlere Katastrophe“

Da sich der Anteil der über Sechzigjährigen in Deutschland bis 2050 etwa verdoppeln werde, sei auch der Gesundheitssport für die Zukunftssicherung unverzichtbar. Hier gehe TGM SV mit dem vom Ehrenvorsitzenden Erwin Kneißl vorangetriebenen Senioren-Bewegungs-Park beispielhaft voran. Der Referent appellierte als glühender Befürworter von Fusionen, noch einmal zu versuchen, was 2011 gescheitert war. Dies sei sein „größter Wunsch“.

Diesen Ball griff der Sportkreisvorsitzende Peter Dinkel liebend gern auf. „Wenn wir so weiter machen, werden wir nicht mehr weit kommen“, warnte er. Verbunden mit einem aufrichtigen Dank an die Nachkriegsgeneration als Mütter und Väter des Aufbaus, beschrieb er den heute leider negativen Trend. So habe der Landessportbund Hessen in den zurückliegenden fünf Jahren 70.000 Ehrenamtler eingebüßt. Immer mehr Aufgaben lasteten auf immer weniger Schultern.

Die gescheiterte Fusion zwischen TGS und TGM SV sei für ihn 2011 „eine mittlere Katastrophe“ gewesen. Man solle noch einmal einen Versuch wagen. „Ich bin noch zweieinhalb Jahre im Amt. Wir verlieren das Thema nicht aus dem Auge“, versprach er. Auch Dinkel lobte ausdrücklich Erwin Kneißls Engagement für den Seniorensport. Dinkel war es dann auch, der zahlreiche Ehrungen vornahm. Für den Landessportbund zeichnete er Hans Sahm, Uwe Kuhn und Inge Ries mit Urkunden und Ehrennadeln aus. Inge Ries darf nun sogar die Nadel in Silber tragen. „Die habe ich bisher nur viermal verleihen dürfen“, sagte der Sportkreisvorsitzende. Für seine ehrenamtliche Tätigkeit erhielt Vorstandssprecher Götz Schwarz die Geschenknadel des Landessportbunds.

Impressionen der akademischen Feier

Akademische Feier von TGM SV Jügesheim

Die Plakette des Sportkreises in Gold hingegen erhielten Edith Haus, Hardy Tauber und Hans Sattler, jene in Silber Heinz Steffes und Jürgen Friedl. Für den Geburtstagsverein ehrte Vorstandssprecher Götz Schwarz mit Goldenen Meilensteinen (mehr als zehnjähriges und Weg weisendes Engagement) Edith Haus, Iris Köppler, Hans Sattler, Steffen Kuhn und in Abwesenheit Michael Gorhold. Weitere Meilensteine bekamen Horst Köppler, Michael von Wirth, Angelika Hoffmeister, Egon Haus, Claus Müller und Anne Friedrich. Sonderapplaus gab es für Martin Hebeisen, das mit 94 Jahren älteste Mitglied.

Weitere Grußworte sprachen Ortsvorsteher Gert Schmalenbach, der stellvertretende Stadtverordnetenvorsteher Andrija Grabrovec, SPD-Fraktionsvorsitzender Ralf Kunert, der Vizepräsident des Hessischen Turnverbands Ulrich Müller, Kreisfußballwart Karl-Heinz Kohls und IGEMO-Chefin Melanie Meyer-Marbach für die Jügesheimer Vereine und die Sportvereinigung Weiskirchen. Ein begeisterndes sportliches Programm boten auf der Bühne die Leistungsriege der Turnabteilung, Lena Krawczyk und Luca Einloft (Paartanz) und das Aerobic-Team. J bp

Quelle: op-online.de

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