Störtebeker-Stück

Theater ist kein Kinderspiel

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„Ich will kein Schwede sein!“ Der spielerische Kampf der beiden Jungen ist ein wichtiger Teil des Störtebeker-Stücks auf der Freilichtbühne. Dank einer Ausnahmegenehmigung aus Darmstadt dürfen neun Kinder im August mitspielen. Das Foto entstand bei einer Probe am Samstag.

Kinderarbeit ist verboten. Ganz schön kompliziert gestaltete sich daher das Mitwirken von Kindern beim aktuellen Störtebecker-Stück.

Nieder-Roden – Mit dem aktuellen Störtebeker-Stück hat sich sogar das Regierungspräsidium beschäftigt. Der Grund: Auf der Freilichtbühne spielen auch Kinder mit. Jetzt liegt die Genehmigung vor.

Sie heißen Fiona, Greta, Henry oder Lionel: Neun Kinder von acht bis 13 Jahren spielen auf der Bühne eine wichtige Rolle. In ihr unbeschwertes Spiel bricht die grausame Realität ein – ein kriegerischer Überfall. Hat dieses Kindheitserlebnis Anfang des 15. Jahrhunderts mit dazu geführt, dass aus dem kleinen Klaus später der Pirat Klaus Störtebeker führte?

„Wer ist der Mann ohne Kopf?“ Dieser Frage geht das Welttheater im August in sechs Aufführungen nach. Autor Thomas Auerswald erzählt die Störtebeker-Story rückwärts: von der Hinrichtung über die Kaperfahrten bis zur Jugend und Kindheit. Erst im fünften Akt treten die Kinder auf.

Kompliziertes Genehmigungsverfahren

Kinderarbeit ist verboten. Das gilt für alle Jungen und Mädchen bis zum 15. Geburtstag. So steht es im Jugendarbeitsschutzgesetz. Das Gesetz erlaubt aber Ausnahmen, unter anderem für Theater und Konzerte. Trotzdem ist eine Genehmigung nötig, sobald Kinder den geschützten Raum von Schulen, Kirchen oder Vereinen verlassen.

Zehn Formulare musste der Theaterverein beim Regierungspräsidium einreichen: einen Hauptantrag und einen Antrag für jedes einzelne Kind. Für jeden der jungen Schauspieler mussten fünf Erwachsene unterschreiben, dass sie der Teilnahme am Theaterprojekt zustimmen: beide Eltern, die Schule, der Kinder- oder Hausarzt und das Jugendamt.

Die Behörde in Darmstadt machte sich die Entscheidung nicht leicht. Sie forderte sogar den Text des fünften Akts an, um ihn inhaltlich zu bewerten. Ist die Handlung nicht zu grausam? Wie werden die Kinder auf die Gewaltszenen vorbereitet? Welttheater-Vorsitzender Steffen Hartmann konnte die Bedenken entkräften. „Die Kinder wissen genau, dass das nur ein Spiel ist“, sagt er gegenüber unserer Zeitung: „Es ist noch jeder nach dieser Szene wieder aufgestanden.“ Auch die Hinrichtung im ersten Akt sei alles andere als blutrünstig inszeniert: Dafür werde ein eigens angefertigter Puppenkopf verwendet.

Betreuung in den meisten Fällen kinderleicht

In den Kinderproben wurden die jüngsten Darsteller seit Februar montags an das Thema herangeführt. Sie lernten nicht nur ihre Rollen, sondern erfuhren auch einiges über das Leben im Spätmittelalter. Seit Mitte Juni findet jeden Samstag eine Durchlaufprobe hinter dem Feuerwehrhaus Süd statt. Bei diesen Proben erleben auch die Kinder den Gesamtzusammenhang des Stücks.

Dabei sind die Kinder nie allein. Sowohl Jugendleiterin Maybrit Gutschling als auch die Regisseure Erik Schmekel und Bettina Hartmann haben die Jüngsten immer im Blick. Auch während der Aufführungen sind sie hinter den Kulissen durchgehend betreut. Darauf legt nicht nur das Regierungspräsidium Wert. „Wir haben das große Glück, dass wir zwei Pädagogen in unseren Reihen haben“, sagt Steffen Hartmann.

Auch die anderen Auflagen der obersten Kinderschutzbehörde kann der Theaterverein gut erfüllen. Dazu gehört unter anderem eine eigene, blickgeschützte Umkleidemöglichkeit. Die Kinder dürfen maximal drei Stunden am „Set“ sein (so lange dauert das Stück) und sie dürfen nur bis 23 Uhr auf der Bühne stehen (die Vorstellung endet eine halbe Stunde davor). Auch für den sicheren Heimweg ist gesorgt. In den meisten Fällen ist das kinderleicht, weil die Eltern oder Großeltern ebenfalls Mitwirkende sind.

Stück mit pädagogischem Effekt

Von dem Störtebeker-Stück erhofft sich Steffen Hartmann auch einen pädagogischen Effekt: „Sicher setzt das auch einen Denkprozess in Gang, dass Gewalt sinnlos ist.“ Einen Schlüsselsatz rufen die Kinder im Chor: „Krieg ist nur ein Kinderspiel – leicht hat man ihn angefacht, einmal nur nicht nachgedacht und schon sterben plötzlich viel.“

Vier Monate dauerte es bis zur Genehmigung. Der Theaterverein blickt ohne Groll darauf zurück. „Es war ein beschwerlicher Weg, der sich aber letzten Endes ausgezahlt hat“, sagt Steffen Hartmann. Jetzt könne der Verein sicher sein, alles richtig gemacht zu haben. Sowohl das Jugendamt als auch das Regierungspräsidium hätten sich sehr kooperativ verhandeln. Andere Vereine, die Abendveranstaltungen mit Kindern planten, könnten sich jederzeit an ihn wenden, so Hartmann: „Mir ist sehr daran gelegen, dass wir diese Erfahrung nicht für uns behalten.“

Ekkehard Wolf

Quelle: op-online.de

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