Tierarzt muss kräftig zupacken

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Trächtig oder nicht? Tierarzt Dr. Björn Seelig kann das auf dem Monitor seines Ultraschallgeräts, den er am linken Handgelenk trägt, genau sehen.

Jügesheim ‐ Ein Land-Tierarzt darf nicht zimperlich sein. Bis zum Ellbogen steckt der rechte Arm von Dr. Björn Seelig im Hinterteil der Kuh „Benita“. Mit einem Ultraschallgerät in der Hand prüft der Veterinär quasi von innen, ob das Tier trächtig ist. Von Bernhard Pelka

Nur ein hauchdünner Plastikschlauch, der aber wenigstens bis zur Schulter reicht, schützt den Fachmann bei dieser rustikalen Untersuchung. 20 Tiere stehen auf seinem Programm, das er mit Landwirt Sebastian Roßkopf auf dem Karolingerhof diesmal gewissenhaft abarbeitet. Nach etwa einer Stunde steht fest: zehn von 20 Kühen, die besamt worden waren, sind trächtig. „Die Quote ist in Ordnung“, kommentiert der Arzt das Ergebnis.

Lesen Sie dazu auch das Interview mit Dr. Björn Seelig unter „Absage an die One-Man-Show

Vor zweieinhalb Jahren hat der 34-Jährige seine Praxis im Rheingau-Taunus-Kreis vom Schwiegervater übernommen und teilt seither die Sorgen vieler Kollegen in Hessen. Großtierärzte finden kaum Nachfolger. Denn nur vier Prozent aller Veterinärmedizinstudenten in Deutschland entscheiden sich nach dem Studienende für die Betreuung von großen Nutztieren. Der Rest möchte Hamster & Co. in Kleintierpraxen versorgen - am liebsten in einer Großstadt. Rinder-Experten wie Dr. Seelig und seine elf Kollegen sind folglich gefragte Leute. „Die Gebiete, die wir betreuen, werden immer größer“, beschreibt der Experte eine negative Folge des Nachwuchsmangels. Gut 80.000 Kilometer legt er pro Jahr auf dem Weg zu seinen tierischen Patienten zurück.

Pro Monat zehn freie Tage als Ausgleich

Wie geht‘s denn unserem Kälbchen heute? Dr. Seelig hört die Herztöne ab.

Die Nachwuchssorgen seines Berufsstands sind seiner Meinung nach hausgemacht: „Schlechte Bezahlung, kaum Fortbildung, wenig Freizeit, harte Arbeitsbedingungen“. Dr. Seelig setzt in seiner Praxis deshalb ganz bewusst andere Akzente. „Zum Beispiel haben wir pro Monat zehn Tage frei als Ausgleich für die Nacht- und Wochenendschichten“. Und davon gibt es viele. „Ein Rind fragt nicht, wann es kalben soll“, sagt Bauer Roßkopf. Kontakt zu Dr. Seelig nahm er auf, als dessen Vorgänger auf dem Karolingerhof seine Praxis an den Sohn übergab und dieser auf die Behandlung von Kleintieren umsattelte.

  • In Deutschland gibt es rund 33.000 Tiermediziner. Ein Drittel von ihnen praktizieren. 9 000 kümmern sich um Kleintiere.
  • 6.200 arbeiten im öffentlichen Dienst und bei Instituten (Veterinärämter, Tiergesundheitsämter)
  • Von pro Jahr etwa 6.000 Tiermedizinstudenten sind 5.000 Frauen.
  • In deutschen Haushalten leben etwa 5,3 Millionen Hunde und 7,5 Millionen Katzen.

Es war damals schwer, jemand zu finden“, erinnert sich der Milchbauer. Das ist jetzt fünf Jahre her. In dieser Zeit hat Hofbesitzer Roßkopf zum neuen Tierarzt ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Er weiß dessen ausführliche Beratung, die auf langfristigen Erfolg setzt, sehr zu schätzen. Klauenpflege, Hilfe bei Euterproblemen, Vorsorgeuntersuchungen, Beratung, Trächtigkeitsprüfung: Dr. Seelig besucht den Hof im Jügesheimer Feld alle zwei bis drei Wochen - die Notfälle nicht eingerechnet.

Quelle: op-online.de

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